Das Turiner Grabtuch -
Echtheitsdiskussion und Forschungsergebnisse im historischen Überblick
Mag. Arabella
Martínez Miranda
Diplomarbeit
Salzburg, im Dezember 2000
Inhaltsverzeichnis
3 Zum Einstieg: Was ist das Turiner Grabtuch -
Eine Beschreibung
3.1 Brandschäden,
Wasserflecken, aufgesetzte Flicken, Falten
4 Das Turiner Grabtuch im Blickpunkt
wissenschaftlicher Analysen
4.1 1898 -
Die Fotografie als Beginn der modernen wissenschaftlichen Erforschung
4.2 Das
Urteil eines (katholischen) Historikers - Ulysse Chevalier
4.2.1 Exkurs - die erste historisch
verbürgte Ausstellung des TG
4.3 Das
Grabtuch im Blickpunkt von Biologen und Ärzten
4.4 Gerichtsmedizinische
und kriminologische Befunde
4.5 Ergebnisse
der Palynologie (=Pollenkunde)
4.6 Die
Radiocarbondatierung - Die endgültige Entlarvung des TG als Fälschung?
5 Theorien zur Entstehung des Abbildes auf dem
Turiner Grabtuch
5.3 Chemische
Vaporographie und die Entdeckung der dritten Dimension im TG
5.5 Das TG
als sich „entwickelndes“ Bild
5.6 Entstehung
durch Versengung
6 Zur Geschichte des Turiner Grabtuchs vor dem
14. Jahrhundert
6.1 Ian
Wilsons Mandylion-Theorie
6.2 Andere
Rekonstruktionsversuche
6.3 Grabtuch
und Exegese - historisch-kritische und fundamentalistische Überlegungen
6.3.1 Definition: historisch-kritische
vs. fundamentalistische Bibelwissenschaft
6.3.2 Unterschiedliche Begräbnisszenarien
in der Bibel
6.3.3 Eine besondere Theorie: Jesus
überlebt seine Kreuzigung
6.3.4 Philologische Probleme der
exegetischen Forschung
7 Zusammenfassung - Die Bedeutung des Turiner
Grabtuchs für Wissenschaft und Kirche
An den Anfang dieser Arbeit möchte ich einige
persönliche Bemerkungen stellen. Das Interesse für mittelalterliche Geschichte
im allgemeinen und für die Kunst und Kultur jener Zeit im besonderen wurde bei
mir bereits in früher Jugend geweckt und hat sich im Laufe meines Studiums am
Institut für Geschichte - besonders
sind hier auch die Seminare in Mittelalterlicher Geschichte, die ich bei Prof.
Janotta, der Betreuerin dieser Diplomarbeit,
besucht habe, zu erwähnen - noch vertieft, sodaß nun die Wahl des Themas
meiner Diplomarbeit in logischer Konsequenz auch aus dem Bereich Mittelalter
stammt. Doch auf das Turiner Grabtuch wurde ich eher zufällig durch eine
Dokumentation im Fernsehen aufmerksam und mein Interesse an diesem so
geheimnisumwitterten Gegenstand war rasch geweckt, obwohl ich zu Anfang nicht
viel mehr über dieses Tuch wußte, als daß es angeblich das Leichentuch Jesu sei
und aber andererseits doch ein Carbontest bewiesen haben soll, daß es aus dem
Mittelalter stammte. Ich persönlich hatte mir zu dieser Zeit also noch kein
Urteil über die Frage „echt oder gefälscht“ gebildet und versuchte nun so
objektiv wie möglich an die ganze Sache heranzugehen. Wie schwierig das war,
wird noch öfters im Laufe der Arbeit gezeigt werden. Trotzdem, oder gerade
deswegen, behielt das Thema auch über die Zeit der Fertigstellung der Arbeit
hinweg seine Faszination, von der ich hoffe, daß sie sich auch auf die Leser
dieser Arbeit überträgt.
Warum
gerade das Turiner Grabtuch[1]
? Es scheint, daß, so paradox das klingen mag, je mehr Details die Forschung
über dieses Tuch veröffentlicht, desto mehr neue Fragen tauchen auf. Die
Diskussionen über die Frage „echt oder gefälscht“ werden mit anhaltender
Vehemenz geführt und es scheint sich keine Annäherung der „verfeindeten Lager“
abzuzeichnen. Als problematisch erweist sich bei diesem Thema nicht etwa ein
zuwenig an Literatur, sondern aus der Fülle der vorhandenen das wirklich
wichtige herauszufiltern. Außerdem erscheint es kaum so etwas wie eine
objektive, unvoreingenommene Aufarbeitung dieser Thematik zu geben. Die Lager
spalten sich in glühende Verfechter des TG einerseits und in erbitterte Kämpfer
für die Entlarvung des TG als Fälschung andererseits. Für jedes Argument, daß
die Vertreter der Fälschungshypothese zu Tage fördern, finden sich in den
Reihen der Befürworter der Echtheit sofort „Freiwillige“, die nun alles daran
setzen, dieses Argument zu widerlegen. Dasselbe gilt natürlich auch mit umgekehrten
Vorzeichen; und bis zum heutigen Tag ist kein Ende der Diskussionen abzusehen.
Gerade
1998 - in diesem Jahr feierte die wissenschaftliche Erforschung des TG ihr
100-jähriges Jubiläum - wurden die Auseinandersetzungen erneut angeheizt, nicht
zuletzt durch den Brand des Turiner Domes am 11. April 1997, bei dem das Tuch
fast den Flammen zum Opfer gefallen wäre. Und es schien eine Weile so, als ob
das wirklich der Fall gewesen wäre, da das Tuch plötzlich von der Bildfläche
verschwunden war, und man auf vorsichtige Anfragen nur widersprüchliche
Antworten bekam. In der Zwischenzeit wurde es aber der Öffentlichkeit bereits
wieder „frisch renoviert“ in den Ausstellungen von 1998 und 2000 präsentiert,
somit sollten solcherart Spekulationen eigentlich widerlegt sein.
Ich
habe es mir in dieser Arbeit zur Aufgabe gemacht, einen Überblick über die
wichtigsten der zur Zeit vorliegenden Forschungsergebnisse zu bringen und dabei
so objektiv wie möglich vorzugehen. Aufgrund der schon zuvor erwähnten
emotionalen Komponente, die dieses Thema offensichtlich besitzt, bitte ich
darum, Nachsicht walten zu lassen, sollte mir das nicht immer geglückt sein.
Wie im Titel ja bereits angedeutet, soll dieser Überblick aus der historischen Perspektive präsentiert werden.
Und hier zeigt sich bereits eine bemerkenswerte Eigenschaft des TG: das
interdisziplinäre Interesse, welches sonst kaum einem Forschungsobjekt
beschieden ist. So positiv das für die wissenschaftliche Erforschung des TG
ist, so schwierig macht es diese Tatsache für mich, all den verschiedenen
Forschungsergebnissen in meiner Arbeit gerecht zu werden. Das heißt für mich
als Historikerin, daß ich gewisse Ergebnisse z.B. der naturwissenschaftlichen
Forschung entweder als gegeben hinnehmen muß, oder diese anhand von sekundären
Quellen interpretieren und in dieser Arbeit präsentieren werde. Auch hat sich
die geschichtswissenschaftliche Forschung im deutschsprachigen Bereich nur
marginal mit dem Thema beschäftigt, im anglo-amerikanischen Raum jedoch findet
sich eine Vielzahl an Publikationen zum TG (vgl. auch Bibliographie). Es mag
auch als bezeichnend gelten, daß die Mehrzahl der Forschungszentren zum TG in
den Vereinigten Staaten und nicht etwa in Italien oder im übrigen Europa
angesiedelt ist.
Nicht
zuletzt bietet auch das Internet eine Vielzahl an Materialien zum Thema, es
stellt sich hier aber im besonderen Maße das Problem eines Überflusses an
Information und es gilt das Wichtige und Seriöse von den unwissenschaftlichen
Dingen zu unterscheiden. In der Bibliographie sind die umfangreichsten
Web-Sites, die ich zum Thema gefunden habe, aufgeführt. Es wird jedoch kein
Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, da das Internet ein ständig wachsender
und sich verändernder „Informationspool“ ist und es mir unmöglich erscheint, hier
als einzelne Person den Überblick zu bewahren.
In
diesem Sinne hoffe ich, daß ich in meiner Arbeit diesem bereits von vielen
hochrangigen Wissenschaftern behandelten Thema gerecht werden kann und
vielleicht den einen oder anderen neuen Blickwinkel erschließen kann.
Da
eigentlich nur ein kleiner, wenn auch bedeutender, Ausschnitt aus dem Turiner
Grabtuch, nämlich das Antlitz der dargestellten Person, der breiten
Öffentlichkeit bekannt ist, erscheint es mir für das weitere Verständnis dieser
Arbeit unumgänglich, eine Beschreibung des gesamten Grabtuches an den Beginn
meiner Ausführungen zu stellen. Ich versuche aber in diesem Kapitel nicht allzu
sehr ins Detail zu gehen, da auf diese in den folgenden Kapiteln natürlich noch
eingegangen wird.
Beim
Turiner Grabtuch (Abbildung 2) handelt es sich um ein Stück Leinwand von 4,36 m
Länge und 1,10 m Breite inklusive eines später angenähten 7,5 cm breiten
Streifens (in derselben Gewebestruktur und Fadenart wie das übrige TG) -
wahrscheinlich um das Körperbild in die Mitte des Tuches zu rücken - in 1: 3
Körperbindung. „Das bedeutet: jeder auf dem Webstuhl längsgespannte Kettfaden
überspringt drei querlaufende Schußfäden und verschwindet unter dem vierten“[2].
Durch diese Technik entsteht das charakteristische „Fischgrätmuster“ des
Turiner Grabtuches. Dies mag vorerst als unbedeutendes Detail erscheinen, es
wird sich aber im Verlauf der Arbeit noch als wichtiges Indiz in den
Diskussionen um die Echtheit des Turiner Grabtuches erweisen. Außerdem soll an
dieser Stelle gleich erwähnt werden, daß auch dieser so unbedeutend
erscheinende angenähte Seitenstreifen als Indiz im „Echtheitsprozess“ zu werten
ist. Er wird zwar meist nur beiläufig erwähnt, geht es aber nach Josef
Dirnbeck, müsse man ihm größere Aufmerksamkeit schenken, als das bisher
geschehen ist. Denn, „wenn es der Zweck des angenähten Streifens ist, das Bild
in die Mitte zu rücken, bedeutet dies wiederum: Das Bild war zur Ausstellung
gedacht, es sollte einen ästhetischen Anblick bieten, und man wollte das ganze Bild herzeigen“[3].
Es stelle sich nun aber die Frage, wer ihn angenäht habe. Ist dies bereits nach
Christi Tod geschehen - angenommen das Tuch sei echt - oder wurde das Stück im
Mittelalter angenäht? Wenn ersteres zutrifft, dann hieße das, daß das Tuch ja
auch bereits in der Zeit nach Jesu Tod zur Ausstellung bestimmt war, darüber
schweigen sich aber die Quellen aus, bzw. wird darauf noch genauer im Kapitel
„Die Geschichte des TG vor dem 14. Jahrhundert“ eingegangen. Ist letzteres der
Fall, dann muß man sich fragen, woher konnte man über 1000 Jahre später ein mit
dem TG fast völlig identes Stück Stoff bekommen? Dirnbeck fragt hier ironisch:
„Hatte Josef von Arimathäa dem Grabtuch schon fürsorglich einen solchen
Streifen beigepackt und mit auf die Reise durch die Jahrhunderte mitgegeben?“[4]
Es ist klar, in welche Richtung hier Dirnbecks Argumentation gehen soll,
nämlich zu beweisen, daß dieses kleine, bisher vernachlässigte Stückchen Stoff etwas
mehr Beachtung verdient hätte in den sonst so „detailversessenen“ Diskussionen
rund um die Echtheit des TG.
Jedoch
nun zurück zur allgemeinen Beschreibung. Bei erstmaliger Betrachtung des
Grabtuches fallen zuerst die zahlreichen Beschädigungen des Materials auf. „Die
Leinwand ist infolge des hohen Alters vergilbt, aber noch verhältnismäßig gut
erhalten“[5].
Auch Wilson stellt fest, daß „in den Gebieten, die von den Zerstörungen der
Geschichte unberührt geblieben waren, [..] es in bemerkenswert gutem Zustand
[war]. Selbst unter einem Vergrößerungsglas betrachtet, zeigten die Fasern
keine Spuren des Verfalls“[6].
Grob gesagt kann man zwei Arten von Spuren erkennen[7]:
Am
augenfälligsten sind wohl zwei der Länge nach verlaufende dunkle Streifen, die
an mehreren Stellen von diversen Flecken und Flicken unterbrochen werden. Auf
Abbildung 3 ist dies deutlich zu erkennen. Dabei handelt es sich um Spuren
eines Brandes im Jahre 1532. „Das Tuch lag damals in einem silbernen Schrein
[...]. Aus der Symmetrie der Schäden ist zu ersehen, wie das Tuch gefaltet war:
zweimal, also in vier Schichten, der Länge nach und in zwölf Schichten der
Breite nach, zusammen also in 48 Schichten. [siehe Abb. 1; Anm.d. Verf.] An einer
Ecke war der Silberschrein bereits so erhitzt, daß an dieser Stelle das Tuch
durch alle Schichten versengt und etwa dreieckige Löcher durchgebrannt wurden,
die später mit Leinenstücken überdeckt wurden“[8].

Abb.1: zeigt die
Faltung des Tuches.
Abb. 2: Links die Gesamtansicht des Tuches
(Vorder- und Rückseite), rechts die Vorderseite im Fotonegativ.

Abb. 3: gibt die
schematische Darstellung der Brandschäden und die Faltung am offenen Tuch
wieder.
Außerdem
kann man entlang der Mitte und an den Rändern rhombusförmige Flecken erkennen,
welche durch Löschwasser verursacht wurden. „Einige kleine, regelmäßig
angeordnete Brandlöcher auf der Vorderansicht beiderseits der Hände, auf dem
Rückenbild in Höhe der Oberschenkel, sind älter“[9].
Sie
können bereits vor 1516 nachgewiesen werden, wie auf Abbildung 4 ersichtlich
wird:

Abb. 4: Kopie des
TG, wahrscheinlich von Albrecht Dürer.
Es
handelt sich hierbei um die älteste und zugleich berühmteste Kopie des TG, die
Albrecht Dürer zugeschrieben wird. Es lassen sich außerdem an verschiedenen
Stellen des Tuches dunkle Linien erkennen. Diese rühren von der obengenannten
Faltung des Tuches her. Diese Tatsachen werden in der Diskussion um die Echtheit
des TG noch von Bedeutung für die „Beweisführung“ sein.
Zentrales
Element des TG ist das Abbild eines männlichen Körpers in seiner ganzen Länge.
Man kann das Bild eines bärtigen, nackten Mannes erkennen, und zwar in Vorder-
und Rückenansicht. „Jedem, der nicht vorher eine Fotografie des Grabtuches
gesehen hat, könnten die beiden Gestalten nur äußerst merkwürdig erscheinen,
bis man versteht, in welcher Weise das
Bild wohl geformt worden ist: daß der Körper zuerst auf das eine Ende
des Tuches gelegt wurde und der Rest des Tuches dann über den Kopf bis zu den
Füßen darübergeschlagen wurde“[10].
Auch hat man versucht, das Alter jenes Mannes zu schätzen: laut Wilson ist es
unwahrscheinlich „- nach der Haar- und Bartentwicklung und der allgemeinen
Körperbeschaffenheit zu urteilen - [...], daß er jünger als dreißig oder älter
als fünfundvierzig Jahre war“[11].
Oswald Scheuermann fügt relativierend ein, daß „die Größenangaben [...] in der
Regel zwischen 1,75 m und 1,81 m [schwanken], in Zusammenhang mit Messungen von
Monsignore Ricci, Rom, wurde sogar 1,62 m genannt. Neueste Forschungen
erbrachten eine Größenangabe von 1,76-1,78 m, ein Alter von etwa 30-35 Jahren
und ein Gewicht von etwa 76-78 kg“[12].
Bemerkenswert ist, daß dieser Abdruck, den Ian Wilson gleichsam „ wie ein auf
das Tuch geworfener Schatten“[13]
charakterisiert, erst in einem Betrachtungsabstand von etwa zwei Metern
deutlich zu erkennen ist. Steht man knapp davor, ist es ein verschwommenes Bild
ohne klare Umrisse. Wilson dazu weiter: „Die Farbe des Abdrucks kann am besten
als pure, monochrome Sepia bezeichnet werden, und je näher man ihn zu
erforschen versucht, desto mehr schwindet er wie Dunst dahin“[14].

Abb. 5: Links das Antlitz des TG in der Positivansicht,
rechts das Fotonegativ (die Kontraste sind verstärkt).
Bemerkenswert
ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, daß das Bild auf dem TG
offensichtlich Negativcharakter hat, d.h. „das [...] bekanntgewordene Turiner
Christusbild erscheint erst nach Umkehrung der Hell-Dunkel-Werte im
fotografischen Negativ“[15],
wie Abbildung 5 deutlich macht.
„Auf dem Tuch selbst wirkt das Bild
befremdlich“[16], meinen
Bulst und Pfeiffer. Herbst attestiert dem Bildnis gar eine „gespenstische
Wirkung“[17]. Es wird im Laufe der Arbeit noch genauer auf
diesen Negativeffekt eingegangen, da dieser ein zentraler Bestandteil der
Echtheitsdiskussion war und ist.
Außerdem
lassen sich an zahlreichen Stellen des TG Blutspuren erkennen, besonders an der
Stirn, am Hinterkopf, auf der Brust (diese weist eine Wunde auf der rechten
Seite auf), an den Hand- und Fußgelenken. Bulst hält fest, daß sich diese in
folgender Weise vom Körperbild unterscheiden: „Im Farbton sind sie kräftiger
und tendieren zu Karmesinrot bzw. zu rötlichem Braun. Sie haben scharfe
Umrisse. Und sie haben nicht, wie das Körperbild, Negativcharakter“[18].
Genaueres dazu in den Kapiteln „Theorien zur Entstehung des Abbildes auf dem
TG“ und „Gerichtsmedizinische und kriminologische Befunde“.
In
diesem Kapitel sollen die wichtigsten Erkenntnisse, welche die moderne
Wissenschaft im 20. Jahrhundert über das TG hervorgebracht hat, vorgestellt
werden. Meine Intention war, dabei so objektiv wie möglich vorzugehen und daher
die Forschungsergebnisse unabhängig von der Echtheitsdebatte zu präsentieren.
Es stellte sich jedoch im Laufe meiner Nachforschungen heraus, daß dies ein
praktisch unmögliches Unterfangen ist. Alle über das TG gewonnenen Erkenntnisse
sind unauflöslich mit der Fragestellung „Wahrheit oder Betrug“ verbunden. So wird quasi mit einer
vorgefertigten Einstellung an das Tuch herangegangen, man ist entweder
überzeugt davon, daß es sich um eine Fälschung handelt und versucht dies nun
mit allen Möglichkeiten der Forschung zu beweisen, oder, als Verfechter der
Echtheitstheorie, bemüht man ebenfalls die Wissenschaft, um seine eigene
Überzeugung zu untermauern.
Deshalb
sieht der Aufbau der nächsten Kapiteln folgendermaßen aus: versucht wird,
einerseits einen chronologischen Überblick über die Forschungslage zu geben,
und andererseits die Ergebnisse der verschiedenen wissenschaftlichen
Disziplinen im einzelnen zu präsentieren, wobei der Bezug zur
Echtheitsdiskussion immer direkt im jeweiligen Kapitel hergestellt wird, um
unnötige Wiederholungen zu vermeiden. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber
noch einmal darauf hinweisen, daß dieses Thema eine völlig objektive Behandlung
kaum zuläßt und deshalb eine gewisse Einseitigkeit der Darstellungsweise in
einzelnen Kapiteln auftreten kann.
Das
obige Datum ist nicht zufällig gewählt worden, es markiert den eigentlichen
Beginn der Erforschung des TG mit den Mitteln der modernen Wissenschaft. Den
Anfang machte dabei die damals noch junge Technik der Fotografie.
Natürlich
gab es auch davor schon Auseinandersetzungen über die Echtheit des TG, aber
diese waren hauptsächlich auf theologische Streitigkeiten im 14. Jahrhundert
begrenzt, die Neuerung besteht jetzt in der Miteinbeziehung verschiedener
(Natur-) wissenschaftlicher Disziplinen in die Echtheitsdiskussion. Außerdem
wurde die Diskussion bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich anhand von
Dokumenten über das TG geführt,
anstatt zu versuchen, den Wahrheitsgehalt verschiedener Theorien am Objekt selbst zu prüfen. Das lag
natürlich auch daran, daß es sich beim TG nicht bloß um irgendeinen Gegenstand
handelte, sondern um eine der bedeutendsten Reliquien der Christenheit. Als
solche war sie nur einem begrenzten Personenkreis und diesem auch nur zu
besonderen Anlässen zugänglich, aber natürlich nur zum Zwecke der religiösen
Andacht (Erbauung) und nicht, um etwaige wissenschaftliche Untersuchungen zu
machen. Dies sollte sich von nun an grundlegend ändern.
Im
Jahre 1898 wurde das Tuch „im Zusammenhang mit den Turiner Feierlichkeiten
anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Statuto, der italienischen
Verfassung“[19]
ausgestellt. Im Rahmen dieser
Ausstellung sollte das Tuch auch erstmals fotografiert werden, und zwar vom
Juristen Secondo Pia, dem Bürgermeister von Asti. Er war kein Berufsfotograf,
hatte jedoch als Amateurfotograf schon einige Preise gewonnen. Obwohl er
während der acht Tage dauernden Ausstellung mehrere Versuche machte, gelangen
ihm nur die letzten Aufnahmen am 28. Mai 1898. Was dann geschah ist von
historischer Bedeutung für die weitere Geschichte des TG: „als Secondo Pia die
Platte aus dem Entwicklerbad nahm, erblickte er auf der Platte, auf der normalerweise
ein „Negativ“ erscheint, ein positives Bild des auf dem Tuch abgebildeten
Leichnams, d.h., er sah das Turiner Christusbild in natürlichen
Helligkeitswerten. Das Bild auf dem Tuch selbst mußte also Negativcharakter
haben. [...] Die fotografische Umkehrung ergibt dann ein natürlich wirkendes
Bild“[20].
Wilson beschreibt diesen Moment folgendermaßen: „Er hatte ein wirkliches Foto
entdeckt, das bisher in dem Tuch verborgen war, bis es durch die Kamera
enthüllt werden konnte“[21].
Diese Tatsache läßt sich auf Abbildung 5 besonders gut erkennen.
Daß
diese Enthüllung nicht ohne Wirkung auf seine Zeitgenossen blieb, steht außer
Frage, „tagelang drängten sich Herzöge und Bischöfe, Herzoginnen und
Prinzessinnen in Pias Studio, um die Platte mit dem Negativ anzuschauen, die in
einem abgedunkelten Raum von rückwärts beleuchtet wurde“[22]. Was das Ende der Auseinandersetzungen hätte
sein können, war vielmehr deren (Neu-)Anfang. „Im Anschluß an Pias Entdeckung
begannen die wissenschaftlichen Diskussionen um das Tuch. Hatten sich alle
Argumente bis dahin nur auf gemalte Kopien oder Berichte von Augenzeugen
stützen können, so war es jetzt möglich, das Bildnis tausendfach zu
vervielfältigen und jedem zugänglich zu machen“[23].
Außerdem ließen sich nun dank Verstärkung der Kontraste auf der Fotografie
viele zuvor unbekannte Einzelheiten erkennen. Scheinbar nur Details, sind sie
doch von wesentlicher Bedeutung in der wissenschaftlichen Analyse des Tuches.
Trotzdem muß festgehalten werden, daß auf dieser Aufnahme nicht alle wichtigen Einzelheiten zu erkennen
sind; handelt es sich doch um keine Detailaufnahmen, sondern um ein Abbild des
gesamten über 4m langen Tuches.
Natürlich
meldeten sich auch Kritiker an Secondo Pias Aufnahmen zu Wort und warfen ihm
Betrug und Verfälschung der Negative vor. „Da das Tuch unmittelbar nach der
Ausstellung wieder in seinem silbernen Schrein verschlossen und versiegelt
wurde, hatte er keine Möglichkeit, solche gehässigen Vorwürfe zu widerlegen“[24].
So blieb lediglich ein Foto als Forschungsobjekt und noch dazu eines, welches
nicht unumstritten war. „Erst als das Tuch 1931 erneut fotografiert wurde, konnte der fünfundsiebzigjährige Pia
rehabilitiert werden“[25].
Wie
festgestellt wurde, waren Secondo Pias Aufnahmen zwar von historischer
Bedeutung, jedoch zu ungenau für weiterführende wissenschaftliche Analysen.
Deshalb wurde das TG 1931 während einer 20-tägigen Ausstellung, die anläßlich
der Hochzeit von Prinz Umberto stattfand, noch einmal fotografiert. „Diesmal
war man sich von vornherein über die Bedeutung der Maßnahmen im klaren. Darum
wurde ein führender Berufsfotograf dazu berufen, Giuseppe Enrie“[26].
Da man nun sichergehen wollte, daß alle Aufnahmen mit „legalen“ Mitteln gemacht
würden und auch um eventuellen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen,
wurden die Aufnahmen „unter notarieller Kontrolle und in Gegenwart von etwa
hundert Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern gemacht“ [27],
darunter befand sich auch Secondo Pia.
Die
Technik der Fotografie hatte seit 1898 enorme Fortschritte gemacht, außerdem
wurde es Enrie ermöglicht, das TG ohne die störende Reflexionen erzeugende
Glasbedeckung zu fotografieren. „Insgesamt machte er ein Dutzend Aufnahmen:
vier von dem ganzen Grabtuch; das Grabtuch in drei Abschnitten; eine
Ganzaufnahme des Rückens; das Gesicht und den Brustkorb; das Gesicht in
Zweidrittel der natürlichen Größe des Originals, und eine direkte siebenfache
Vergrößerung der Nagelwunde im linken Handgelenk. Sie sind alle von höchster
Qualität, und mit Ausnahme der jüngsten Farbaufnahmen bleiben sie die
genauesten, die bis heute gemacht worden sind“[28].
Und für lange Zeit bilden diese nun die Grundlage für weitere Forschungen am
TG. Erst am 16. Juni 1969 wurde das Tuch wieder fotografiert, und zwar von
Giovanni Battista Judica-Cordiglia, dem Sohn des Professors für
Gerichtsmedizin, von welchem später noch die Rede sein wird. Die ersten
Farbaufnahmen wurden am 4. Oktober 1973 gemacht.
Der französische Historiker, katholische Priester
und Kanoniker, Ulysse Chevalier, nahm die
Ausstellung des TG im Jahre 1898 zum Anlaß und veröffentlichte eine
umfangreiche Schrift[29]
zum TG. „ Auf Grund einer Fülle von Dokumenten, die teils von ihm selbst, teils
von anderen Gelehrten im Vatikanischen Archiv aufgefunden wurden, war er
imstande, die Geschichte des Linnens und seiner Verehrung von der Mitte des 14.
Jahrhunderts bis zur Gegenwart so gut wie lückenlos aufzuhellen“[30].
Anhand dieser Quellen fiel sein Urteil eindeutig aus: „Das Grabtuch ist ohne
Zweifel eine Fälschung und wurde um 1350 von einem Künstler gemalt!“[31]
In einem 64-seitigen Anhang zu seinem Werk präsentierte er seinen Lesern die
von ihm entdeckten Dokumente, wobei das wichtigste und zugleich älteste unter
ihnen ( von 1389) das Schreiben des Bischofs von Troyes, Pierre d´Arcis, an den
Gegenpapst Clemens VII. in Avignon
darstellte (der Wortlaut des Dokumentes findet sich im Anhang dieser
Arbeit).
Zum besseren Verständnis der nun folgenden
Ausführungen ist es nötig, an diesem Punkt
einige Informationen über die
Geschichte des TG im 14. Jahrhundert vorwegzunehmen (genaueres zur rekonstruierten Geschichte des TG - wenn man denn
annimmt, daß es echt ist - noch im Kapitel „Zur Geschichte des TG vor dem
14.Jahrhundert“).
Der
erste historisch dokumentierte Besitzer des TG war der französische Adelige
Geoffroy de Charny. Dieser erhielt im Juni 1353 von König Johann dem Guten eine
Rente von „120 livres, die bald auf 180 livres erhöht wurde (= 97,2kg Gold)“[32]
für die Gründung einer Stiftskirche in Lirey bei Troyes. Am 28. Mai 1356 fand
die Einweihung der Stiftskirche statt und er erntete dafür auch das Lob des
Bischofs von Troyes, Henri de Poitiers. Wie das Grabtuch in seine Hände kam,
darüber gibt es verschiedene Theorien, auf die im Kapitel „Zur Geschichte des
TG vor dem 14.Jahrhundert“ noch ausführlich eingegangen wird.
Zuerst
möchte ich noch kurz auf das Problem der Schreibung des Namens hinweisen. Wie
in vielen Sprachen gab es auch im mittelalterlichen Französisch nur wenig
Regeln, was die Schreibung betraf. Die hier benutzte Form ist die am häufigsten
verwendete und wurde von Ian Wilson übernommen. Nicht alle der von mir in
dieser Arbeit präsentierten Autoren verwenden jedoch diese Schreibweise, Bulst
z.B. benutzt die deutsche Form Gottfried. In Originalzitaten aus der Literatur
wird daher natürlich die vom Autor gewählte Form wiedergegeben; dies sei nur
gesagt, um etwaige Unklarheiten zu vermeiden. Um die hier vorliegende Schwierigkeit
noch zu verdeutlichen seien kurz einige sehr unterschiedliche Schreibweisen des
Namens vorgestellt: „in der
„Continuation de la chronique de Richard Lescot“ wird auf Geoffroy de Charny
verwiesen als auf „Joffrois de Chargni“ und „Geffroy de Chargny“ und „Geffroy
de Charny“; im „Livre Messire Geoffroy de Charni“ schließlich heißt er
‚Gyeffroy de Charni’ “[33].
Dieses Problem der unterschiedlichen Schreibweise wird später in Wilsons
versuchter Rekonstruktion der Geschichte des TG vor dem 14. JH noch einmal zur
Sprache kommen.
Nun
aber zurück zum eigentlichen Thema dieses Exkurses. Es „scheint eine Wolke des
Geheimnisses darüber zu hängen, wie Geoffroy das Grabtuch erwarb“[34],
da er außerdem „zu keiner Zeit seines Lebens öffentlich
verkündet [...] [hatte], daß er das Grabtuch besaß“[35].
Sein Sohn, Geoffroy II. soll angeblich gesagt haben, daß sein Vater das TG als
„Geschenk“ vom König persönlich erhalten haben soll. Bulst stimmt dieser
Theorie auch zu, zumal Margareta, die Letzte der Charnys, erwähnt habe, „ihr
Großvater, der Kirchengründer, habe es „par
feu“ erhalten [...]; das heißt im mittelalterlichen Französisch: „Als
Lehnsgabe“ (vom lateinischen foedum)“[36].
Wilson hält dem jedoch entgegen, daß „kein einziges zeitgenössisches Dokument
[...] darauf schließen“ [37]
lasse. Es bleibt also - zumindest vorläufig - im dunkeln, woher Geoffroy de Charny das TG bekommen hat; es gilt aber als gesichert, daß er es besessen hat. Es blieb ihm
jedoch versagt, selbst die Ausstellung des TG zu erleben, denn er starb als „porte-oriflamme [...] - Träger der französischen königlichen Schlachtstandarte“[38]
am 19. September in der Schlacht gegen die Engländer in Poitiers. Daher
übernahm seine Witwe, Jeanne de Vergy, die Organisation der Ausstellung des TG.
„Um die kostspielige Stiftskirche zu unterhalten, entschließt sich Jeanne de
Vergy, Geoffroys Absichten auszuführen, indem sie erste öffentliche
Ausstellungen abhält - zu finanziellem Gewinn“[39].
So fand also mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahre 1357 die erste bekannte
Ausstellung des TG statt.
Anläßlich dieser Ausstellungen, die große Massen von
Pilgern anzogen, wurde auch ein Gedächtnis-Medaillon als Pilgerandenken
geschlagen.

Abb. 6: Das Pilgermedaillon von 1357.
Dieses
ist insofern für die Diskussion von Bedeutung, als es neben der Darstellung des
von zwei Mönchen hochgehaltenen Grabtuches auch zwei Wappen zeigt. „Das Wappen
zur Linken ist fraglos von Geoffroy de Charny, das genau Froissarts
Beschreibung „...drei kleine Wappenschilde auf rotem Grund“ entspricht. Das
Wappen zur Rechten ist das von Geoffroys zweiter Frau, Jeanne de Vergy“[40].
Hier sei als kleine Nebenbemerkung eingeschoben, daß Bulst bei seinen
Ausführungen zu diesem Thema ein Fehler unterlaufen ist, wenn er sagt: „Das in
Blei gegossene Andenken ist durch die Wappen Gottfrieds (II.) und seiner
Gemahlin Jeanne de Vergy sicher datiert“[41].
Jeanne de Vergy war nämlich die Frau Geoffroys I. , aber die Mutter Geoffroys (=Gottfrieds) II. . Es
mag sich zwar hier nur um ein Detail handeln, zumal ja auch im Wappen kein
Unterschied zwischen Vater und Sohn besteht, trotzdem erscheint es mir nicht
unwichtig, dies zu erwähnen, gerade da die gesamte Diskussion um das TG oftmals
um scheinbar bedeutungslose Kleinigkeiten geführt wird.
Worin
besteht aber nun die Bedeutung dieses Medaillons für die Diskussion um das TG?
Einerseits handelt es sich hier um die älteste bekannte Darstellung des
Grabtuches in seiner vollen Länge, doch „der wirklich interessante Punkt dabei
ist die Aufnahme des Wappens von Jeanne de Vergy. Es läßt die Möglichkeit zu,
daß die Ausstellungen nicht zu Geoffroys Lebzeiten stattgefunden haben, sondern
auf Anordnung seiner Witwe nach seinem Tode durchgeführt wurden, d.h. irgendwann zwischen 1357 und dem Tod von Bischof Henri
de Poitiers 1370“[42].
Diese Tatsache wird vor allem von Ian Wilson betont, da sie seine Theorie von
Geoffroys I. Geheimhaltung über den Besitz des TG untermauern würde.
Jedenfalls
war die Ausstellung ein großer Erfolg, auch in finanzieller Hinsicht, doch „was
Jeanne de Vergy nicht vorhersehen konnte, war der schwere Schock, den seine
Enthüllung verursachte, und der schiere Unglaube, daß eine solche Reliquie von
so unerklärlich bescheidener Seite an den Tag gebracht würde. [...] Wäre es ein
angeblicher Nagel von der Kreuzigung gewesen, ein Arm Johannes des Täufers oder
ein Finger des hl. Thomas, wären kaum Fragen aufgekommen. Reliquien wie diese
gehörten zum täglichen Leben. Schon ihre Anonymität machten sie plausibel und
annehmbar. Aber das Grabtuch war etwas anderes. Ein über vier Meter langes
Linnen, mit dem Blut Christi befleckt und mit dem Bild der Rückseite und
Vorderseite seines gekreuzigten Leibes - nein, es war unglaublich!“[43]
Es wurde, von Seiten des Bischofs von Troyes, Henri de Poitiers, angezweifelt,
daß eine solch bedeutende Reliquie in die Hände einer relativ einfachen Familie
gelangt war, bzw. daß es sich auch wirklich um das echte Grabtuch handelte. Da
weder Jeanne de Vergy noch ihre Familie „entweder nicht in der Lage oder nicht
willens waren, Aufklärung darüber zu geben, wie sie zu dem Tuch gekommen waren
[...]“[44],
mußte der Eindruck entstehen, sie schwiegen wohl aus Schuldbewußtsein. Auch war
bald ein Künstler gefunden, der bestätigte, daß dieses Grabtuch „ein Werk
menschlicher Geschicklichkeit und nicht wunderbar bewirkt oder verliehen ist“[45].
Dies genügte, um Henri de Poitiers dazu zu bewegen, die Ausstellungen beenden
zu lassen. Das Grabtuch wurde weggeräumt und in der Burg der Charny in Montfort
für die nächsten 32 Jahre verwahrt. Zwei nicht unwichtige Details seien hier am
Rande erwähnt: Jeanne de Vergy verheiratete sich in der Folge mit Aymon de
Genève, dem Onkel des späteren Clemens VII. , jenes Papstes, der in der
Diskussion um das TG noch eine wichtige Rolle spielen wird. Ihr Sohn, Geoffroy
II. heiratete Margareta de Poitiers, die Nichte eben jenes Henri de Poitiers,
der die Ausstellung 1357 beenden ließ. Es steht zu vermuten, „daß Jeanne mit
einer solchen ehelichen Verbindung sowohl alte Wunden zu heilen als auch ihren
Sohn mit den nützlichen Verbindungen einer hoch-bischöflichen Familie zu versehen gedachte“[46].
Nun
kommen wir aber zu dem bereits mehrmals erwähnten Memorandum von 1389, welches
Ulysse Chevalier veranlaßte, das TG als eine Fälschung entlarvt zu sehen. In
diesem Jahr nämlich fand die nächste öffentliche Ausstellung des TG statt,
diesmal organisiert von Geoffroy II. , dem Sohn Jeanne de Vergys und Geoffroys
I. Der jetzt amtierende Papst, Clemens VII. war, wie bereits erwähnt, ein Verwandter,
deshalb war es ein leichtes für Geoffroy von diesem eine Genehmigung für die
Ausstellung des TG zu erhalten. Durch diese direkte Einholung der Erlaubnis
beim Papst, bzw. bei dessen Nuntius, Kardinal de Thury, fühlte sich aber der
eigentlich zuständige Bischof, Pierre d´ Arcis, übergangen und legte zu Beginn
der Ausstellungen im April 1389 Protest dagegen ein. Es erregte ebenfalls
seinen Unmut, daß die ganze Sache nach einer vorherigen Absprache zwischen dem
Papst und Geoffroy II. aussah, um mögliche Kontroversen wie bei der ersten
Ausstellung zu vermeiden. Man einigte sich nämlich darauf, in der
Öffentlichkeit nur von einer „Darstellung“ des Grabtuches und nicht mehr von
dem echten Grabtuch zu sprechen. „In
dieser Weise war es in de Thurys Autorisation beschrieben worden, die Geoffroy
als seine Berechtigung zur Durchführung der Ausstellungen vorlegte [...]“[47].
Für d ´Arcis lag es jedoch klar auf der Hand, daß das Tuch „nichtsdestoweniger
privat als solches ausgegeben und ausposaunt [wird], und so wird es von vielen
geglaubt, um so mehr, weil wie oben angegeben, bei der früheren Gelegenheit
erklärt wurde, es sei das wahre Grabtuch Christi [...]“[48].
Besonders die pompöse Art und Weise wie das Grabtuch den frommen Pilgermassen
präsentiert wurde, erregte seinen Unmut, ließ sie doch keinen Zweifel daran,
daß die de Charnys sich tatsächlich im Besitz des echten Grabtuchs wähnten.
„Und [...] das Tuch [wurde] öffentlich ausgestellt, [...] sogar feierlicher,
als wenn der Leib Christi, unseres Herrn, ausgesetzt wird: nämlich durch zwei
Priester, die mit Alben, Stolen und Manipeln angetan sind und die größtmögliche
Ehrerbietung zeigen, mit brennenden Fackeln und auf einer erhöhten Tribüne, die
für diesen speziellen Zweck errichtet wurde [...]“[49].
Er sah sich verpflichtet, diesem Skandal, der seine Diözese befleckte, ein Ende
zu setzen und wandte sich an den Papst. Doch dieser unterstütze keineswegs
seinen Kampf gegen das vermeintliche Grabtuch, sondern legte ihm vielmehr
„immerwährendes Stillschweigen“[50]
in dieser Angelegenheit auf und erlaubte die Fortführung der Ausstellungen. Als
Reaktion darauf verfaßte d´ Arcis eben jenes Memorandum, in dem er darauf
hinweist, daß bereits sein Vorgänger, Henri de Poitiers, Untersuchungen über
die Echtheit des Grabtuches veranlaßt hatte und diese zutage gebracht hätten,
daß es sich um eine Fälschung handelte. Diese Aussage impliziert jedoch, daß d´
Arcis das Grabtuch selbst nie gesehen hat, sondern sich lediglich auf die
Aussagen anderer berief. Wilson gesteht ihm jedoch zu, daß er genau
recherchiert habe und „praktisch alle Fakten, die d´Arcis vorbrachte, korrekt
waren“[51],
jedoch vermutet Wilson ein recht kompliziertes Geflecht von politischen und
privaten Interessen, die aber für den Bischof d ´Arcis nicht zu durchschauen
gewesen wären.
Zurück
zu Ulysse Chevalier: Für ihn war die Sachlage nach der Entdeckung dieses
Dokuments eindeutig: Das TG kann nur eine Fälschung aus dem 14. Jahrhundert
sein.
Ähnlich
konsequent vertrat auch der ebenfalls um die Jahrhundertwende wirkende englische
Jesuit Herbert Thurston - von ihm stammt übrigens die Übersetzung des
Memorandums vom Lateinischen ins Englische, wie sie in der Originalversion von
Ian Wilsons „The Shroud of Turin“ nachzulesen ist; die deutsche Übersetzung,
welche am Ende dieser Arbeit zu finden ist, stammt von Maria Branse - die
Überzeugung, daß das TG eine Fälschung sei. „Als Mitarbeiter der „Katholischen
Enzyklopädie“ verfaßte er im Jahre 1912 darin auch einen Beitrag über das
Turiner Grabtuch und kam dabei zu dem Schluß, daß die Reliquie nicht echt sein
könne“[52].
In vielen Artikeln wiederholte er im Laufe von 30 Jahren immer wieder diese
Ansicht. Ein Hauptargument gegen die Echtheit des Grabtuchs war für ihn das in
der Grabtuchliteratur bereits sprichwörtliche „tausendjährige Schweigen“. „Es
sei doch merkwürdig, daß ausgerechnet bis zu dieser ersten Ausstellung in Lirey
die Geschichte dieser angeblichen Reliquie „ein absolut leeres Blatt“ sei“[53].
Es war also nur logisch, daß nun ihrerseits die Befürworter der Echtheit alles
versuchten, um diese Aussage zu widerlegen. Wie genau die Rekonstruktion der
Geschichte des TG vor dem 14.Jahrhundert aussieht, kann im gleichnamigen
Kapitel nachgelesen werden. Jedenfalls wurde Thurstons Überzeugung bereitwillig
von anderen Historikern, auch in Deutschland, übernommen und klingt in der
Aussage von Paul M. Baumgarten im Historischen Jahrbuch von 1903
folgendermaßen: „Die Sindone di Torino feierte ihren Geburtstag in den
fünfziger Jahren des 14. Jahrhunderts;
zu Grabe getragen wurde sie mit großem Gefolge und wenigen Leidtragenden im
Jahre 1903. Eine Auferstehung wird ihr niemals mehr beschieden sein“[54].
Recht sollte er aber damit nicht behalten, wie die folgenden Abschnitte zeigen
werden; und das gilt unabhängig davon, ob man nun auf der Seite der Vertreter
der Fälschungs- oder der Echtheitshypothese steht!
Fast
zeitgleich mit Baumgartens oben genannter Aussage und Ulysse Chevaliers
Ergebnissen beschäftigte sich in an der Sorbonne in Paris eine Gruppe von
Naturwissenschaftlern mit dem TG. An vorrangiger Stelle stehen zwei Namen: Paul
Vignon und Yves Delage. Letzterer war Direktor des Museums für Naturgeschichte
und Professor für vergleichende Anatomie an der Sorbonne. Er war studierter
Biologe, Zoologe, Physiker und Mathematiker, sein Hauptinteresse galt jedoch
der Anatomie, außerdem war er „wohlbekannt für seinen Agnostizismus und seine
Aversion gegen alles, was im Rufe des Wunderbaren oder Übernatürlichen stand“[55].
Er glaubte zwar nicht an Jesus als den Sohn Gottes, aber seiner Meinung nach
war er eine historische Persönlichkeit. Am 21.April 1902 hielt er auf der
Sitzung der Französischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag mit dem
Titel: „Das Bild Christi, das auf dem Heiligen Grabtuch in Turin sichtbar ist“.
In diesem Vortrag kam er zu dem Schluß, daß das Leichentuch unmöglich von einem
mittelalterlichen Künstler gefälscht worden sein könnte, denn die anatomischen
Gegebenheiten wären allesamt fehlerfrei und entsprächen den natürlichen
Proportionen. Außerdem wies er darauf hin, „wie schwierig und sinnlos es für
jeden gewesen wäre, im Negativ zu arbeiten, und daß es jedenfalls keine Spur
von bekannten, auf das Tuch aufgetragenen Farbstoffen gebe“[56].
Diese Vorlesung erregte enormes Aufsehen, jedoch war das Echo im Kreise der
französischen Wissenschaftler überwiegend negativ. Enttäuscht resümierte er:
„Wenn es sich statt um Christus um irgendeine Person wie etwa Sargon, Achilles
oder einen der Pharaonen gehandelt hätte, wäre niemand auf den Gedanken gekommen,
Widerspruch zu erheben. [...] Ich erkenne Christus als eine historische
Persönlichkeit an und sehe keinen Grund, warum irgend jemand Anstoß daran
nehmen sollte, daß noch materielle Spuren seines irdischen Lebens existieren“[57].
Für ihn war es also zweifelsohne das echte Leichentuch Christi, wenn er auch
nicht erklärten konnte, wie denn das Abbild auf das Tuch gelangt war. Und hier
setzt die Arbeit von Paul Vignon ein, dem erstgenannten Wissenschaftler in
diesem Kapitel.
Paul
Vignon war ebenfalls studierter Biologe und nachdem er zuerst eine Anstellung
als Mitarbeiter an der von Delage herausgegebenen Zeitschrift für Biologie
erhalten hatte, avancierte er schon bald zum Assistenten des Professors an der
Universität und im Museum. Um 1900
machte Delage ihn zum ersten Mal mit den Fotografien des TG von Secondo Pia
bekannt und seine Arbeit konzentrierte sich von nun an darauf, „mit Hilfe
exakter wissenschaftlicher Methoden [...], alle Zweifel und Widersprüche
auszuräumen und die Frage nach der Echtheit der Reliquie endgültig zu
beantworten“[58]. So reiste er noch im gleichen Jahr nach
Italien, um von Secondo Pia zwei Glasplatten mit Negativkopien des TG in
Empfang zu nehmen und anhand dieser den Entstehungsprozeß des Abbildes
ergründen zu können. Es war ihm selbst nicht möglich, das TG zu sehen,
geschweige denn zu untersuchen, er mußte sich also ganz auf die Fotografien und
die Berichte von Zeugen, die das Tuch berühren durften, verlassen. Da er, wie
gesagt, ebenfalls Naturwissenschaftler war, schied für ihn eine „wundersame“
Entstehung des Bildes von vornherein aus. Sein besonderes Interesse galt zuerst
dem Negativcharakter des TG. Im Vergleich von Positiv- und Negativbild des
Tuches „bemerkte er bald, daß das originale Positivbild wenig mit menschlichen
Konturen gemein hat [...]. Erst durch die fotomechanische Umkehrung der
Helligkeitswerte zeigt das Negativ einen erkennbaren Körper mit natürlichen
Verhältnissen und Konturen“[59].
Für Vignon, der ebenfalls Kenntnisse in der Kunst der Malerei besaß, war es
somit klar, daß es sich hier nicht um ein Werk eines Künstlers aus dem 14.
Jahrhundert handeln konnte, denn „wie hätte ein Maler vor der Erfindung der
Fotografie überhaupt eine Vorstellung davon haben können, was ein Negativ ist,
und wie hätte er dann eine solche Darstellung in vollendeter Perfektion
abbilden können?“[60]
Hier sei kurz eingeschoben, daß Untersuchungen aus späterer Zeit übrigens
bestätigten, daß keinerlei Farbpigmente auf dem TG zu finden sind.
Vignons
Überlegungen gingen nun in Richtung Dunstabdruck, das heißt, daß das Bild
„durch ammoniakhaltige Ausdünstungen des Leichnams in Verbindung mit der beim
Begräbnis verwandten Aloe entstanden [sei] (Vaporographie)“[61].
Wie genau sich nun Vignon die Entstehung des Abbildes auf diese Weise
vorstellte, darauf wird noch im Kapitel „Theorien zur Entstehung des Abbildes
auf dem TG“ eingegangen, nur soviel sei hier noch gesagt: die Experimente mit
Aloe und Myrrhe, die Vignon mit Hilfe des Chemikers René Colsons an sich selbst
durchführte, blieben teilweise unzufriedenstellend, da die so erzielten
Abdrücke recht verschwommen und verzerrt waren, wie ein vergleichbarer Abdruck
von Prof. Judica-Cordiglia zeigt:

Abb. 7: Links das
Positiv, rechts das fotografische Negativ des Kontaktabdruckes.
Ein
vielversprechender Ansatzpunkt für weitere Forschungen war aber trotzdem
gefunden worden und seine Theorien fanden zu späterer Zeit erneut Beachtung.
Zusammenfassend
kann gesagt werden, daß Vignons Forschungsarbeit zu folgenden Ergebnissen
geführt hat: beim TG muß es sich wohl um das echte Grabtuch Jesu handeln, denn
zumindest drei gewichtige Argumente unterstützten seiner Meinung nach diese
Annahme: „die Negativität des Tuchbildes (für die es in der Kunst nichts
Vergleichbares gibt), die vollkommene anatomische Richtigkeit des Bildes des
unbekleideten Körpers eines Gekreuzigten und die abgestufte Intensität des
Tuchbildes, die auf die Distanz zwischen Leichnam und Tuch und damit auf die
dritte Dimension schließen läßt [...]“[62].
Auf den letztgenannten Punkt, die sogenannte dritte Dimension im TG, wird
ebenfalls im Kapitel 5 „Theorien zur Entstehung des Abbildes auf dem TG“ noch
näher eingegangen.
Die Fotografien
Enries in den 30-er Jahren gaben auch den naturwissenschaftlichen Erforschungen
des TG neue Impulse, denn die in der Zwischenzeit recht fortgeschrittene
Fototechnik machte es für eine größere Gruppe von Wissenschaftlern möglich,
anhand von Detailaufnahmen die Besonderheiten des TG zu studieren und so der
Antwort auf die noch immer ungelöste Frage nach Echtheit oder Fälschung näher
zu kommen. „Den Anstoß zur exakten ärztlichen Forschung zum Turiner Grabtuch
gab Dr. Barbet, Chefchirurg des Josefskrankenhauses in Paris [...]. Er hat als
erster die auf den neuen Fotografien klar erkennbaren „Blutspuren“ untersucht“[63].
In weiterer Folge nahmen sich immer mehr Ärzte und Gerichtsmediziner[64]
des Grabtuchs an und vervollständigten so die Erkenntnisse über den „Mann im
Tuch“.
In
diesem Abschnitt geht es also vor allem um die Analyse anatomischer Fragen und
der Beschreibung der Wunden, die den Körper für viele als den wahren Körper
Christi auszeichnen, aus dem Blickwinkel der Gerichtsmedizin. Die Herangehensweise
erfolgt also wie bei einem Mordfall, bei dem es nun gilt anhand der zugefügten
Wunden und sonstiger Körpermerkmale die Todesursache herauszufinden. Die
Beschreibung derselben fehlt in praktisch keinem Buch zum TG, besonders
ausführlich werden sie in der Literatur der Grabtuchbefürworter behandelt. Das
verwundert nicht, scheint doch die Gerichtsmedizin hier zu bestätigen, daß es
ich bei dem hier dargestellten Mann einzig um Jesus handeln könne.
Hier
sollen so objektiv wie möglich die Ergebnisse präsentiert werden, aber es muß
natürlich auch auf die Schlüsse, die viele Grabtuchforscher daraus gezogen
haben, hingewiesen werden. Dies wird am Ende des Kapitels geschehen.
Zuerst
muß gesagt werden, daß die Gerichtsmedizin bestätigen konnte, daß es sich hier
um das Abbild eines Mannes in völliger anatomischer Korrektheit handelt und,
sehr ungewöhnlich, falls es sich dabei um ein Kunstwerk handeln sollte, der
Tote war unbekleidet. Als gesichert gilt auch, daß es sich bei den Blutspuren
um echtes Menschenblut handelt (Dazu mehr im Kapitel „Theorien zur Entstehung
des Abbildes auf dem TG“). Klar ist, wer immer auch hier auf dem Leichentuch
dargestellt ist, mußte wohl ein schlimmes Martyrium erlitten haben und vieles
weist darauf hin, daß es sich dabei um den Leichnam eines Gekreuzigten handelt.
„Auffallend ist der stark gedehnte, in extremer Einatmungsstellung fixierte
Brustkorb, das eingezogene Epigastrium (Oberbauch) und das heraustretende
Hypogastrium (Unterbauch). Das sind typische Kennzeichen für den Leichnam eines
Menschen, der an den Armen hängend gestorben ist“[65].
Durch das Festbinden der Arme im Stile einer Kreuzigung ist nach einiger Zeit
nur mehr eine schwache Zwerchfellatmung möglich, was Zustände von Atemnot
auslöst und letztendlich nach einigen Stunden zum Tod durch Erstickung führt.
Bereits
am Kopf, bzw. am Gesicht finden sich vielerlei Wunden und Blutungen, welche die
Gerichtsmedizin dokumentieren konnte. So zitiert Ian Wilson die Ausführungen
von Dr. Willis, der sich eingehend mit dieser Thematik beschäftigt hat. Er
nennt folgende oberflächliche Gesichtswunden: „1. Schwellung beider
Augenbrauen; 2. eingerissenes rechtes Augenlid; 3. große Schwellung unter dem
rechten Auge; 4. geschwollene Nase; 5. dreieckige Wunde auf der rechten Wange
mit Spitze zur Nase weisend; 6. Schwellung an der linken Wange; 7. Schwellung
an der linken Seite des Kinns“[66].
Wobei zu sagen ist, daß nicht alle der hier erwähnten Wunden auch für einen
Laien einfach zu erkennen sind. Klarer zu sehen sind die zahlreich vorhandenen
Blutspuren, welche sowohl am Kopf als auch über den ganzen Körper verteilt
sind. Am Hinterkopf finden sich einige deutliche Blutspuren, die von Blutungen
von Hautwunden herrühren. Diese Blutspuren wurden am Genick von einer
abwärtslaufenden „Linie“ angehalten. Dr. Willis dazu: „Man kann annehmen, daß
sie durch etwas, das wie eine Dornenhaube aussieht, verursacht wurde, und sie
scheint sich auf der Höhe zu befinden, wo die Dornenzweige am Hinterkopf
zusammengehalten wurden“[67].
Auf der Stirn finden sich ebenfalls zahlreiche kleine Blutgerinnsel, besonders
hervorstechend ist dabei jenes von der Form einer umgekehrten „3“. Auch diese
Art der Verletzungen deutet auf eine Dornenhaube hin, nicht auf eine
Dornenkrone, wie es in der gesamten mittelalterlichen Kunst dargestellt ist. Es
wurde dies auch als Beweis für die Echtheit des TG gewertet, da Jesus nämlich
„eine orientalische Königshaube aus Dorngestrüpp aufgesetzt“[68]
wurde und eben nicht eine reifartige Krone.
Die
nächste Gruppe von Wundmalen sind eher oberflächlicher Natur, überziehen aber
in einer ziemlich bemerkenswerten Regelmäßigkeit fast den gesamten Körper des
Leichnams, „wobei nur Kopf, Unterarme und Füße ausgenommen sind“[69].
Die Male weisen eine Größe von durchschnittlich vier Zentimetern auf und ihre
Zahl wird sehr unterschiedlich geschätzt, von 40 bis über 500 reichen die
Annahmen[70]. Woher
diese Verletzungen kommen, scheint ebenfalls klar. „Eine nähere Betrachtung
sowohl des Positivs wie des Negativs offenbart, daß es hantelförmige Spuren
sind, die durchweg in Dreiergruppen angeordnet sind und sich von einer
horizontalen Achse aus über die Lenden fächerförmig zu beiden Seiten aufwärts
zu den Schultern hin ausbreiten und von der rechten Seite abwärts zu den
Beinen. Wir haben es deutlich mit den Spuren einer Geißelung zu tun, wobei die
Lederriemen des Marterwerkzeugs offenbar mit doppelten Metallkugeln besetzt
waren, die den Zweck hatten, den Schmerz zu vergrößern“[71].
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Solche
Folterwerkzeuge mit dem Namen „Plumbatae“
(von lat. plumbum = Blei) wurden bekanntermaßen auch von den Römern eingesetzt.
Aus der Anordnung der Wunden, die vom Typ her Quetschungen sind, läßt sich
schließen, wie die Geißelung wahrscheinlich abgelaufen ist. Da die Striemen so
regelmäßig verlaufen, kann man annehmen, daß der Verurteilte nicht auf dem Weg
zur Kreuzigung gegeißelt wurde, sondern dies bereits vorher als eigene Strafe
vollzogen wurde. „Das läßt darauf schließen, daß der Verurteilte, an den Händen
hochgebunden, hilflos den Schlägen ausgeliefert war“[72].
Außerdem läßt sich feststellen, daß alle Schläge von rückwärts ausgeführt
wurden, auch die Wunden auf der Vorderseite wurden dem Verurteilten so
beigebracht. Wilson beschreibt diesen Vorgang so: „Die Wunden an der
Vorderseite des Körpers wurden so verursacht, daß die Peitsche gezielt um den
Körper herum bis oben zum Brustkorb und zur Vorderseite der Schenkel schlug“[73].
Weiters lassen sich am Rückenbild auf der Höhe der rechten Schulter und etwas
weiter unten auf der linken Seite durch die Geißelungsspuren hindurch
Schürfwunden feststellen. „Diese Wunden könnten gut von Reibungen herrühren,
die ein schwerer Gegenstand auf eine schon verletzte Partie der Haut ausübte“[74].
Es ist klar, in welche Richtung die Interpretation hier geht: diese Spuren
wurden natürlich sofort als vom Tragen eines schweren Gegenstandes - des
Kreuzes nämlich - herrührend gesehen. Ein Bluterguß am linken Knie und Quetschungen
am rechten Knie sollten auch auf oftmaliges Niederfallen während des Ganges zur
Hinrichtung deuten.
Nun zu
den eigentlichen Merkmalen der Kreuzigung: die Handwunde, die Fußwunde und in
weiterer Folge auch die Seitenwunde.
Von den
Handwunden ist logischerweise - durch die überkreuzte Position der Arme - nur
eine sichtbar; diese wurde aber sehr intensiv erforscht, zeigt sie doch einige
interessante Details. Erstens kann man deutlich erkennen, daß die Wunde, die
durch die Kreuzigung entstand, sich nicht inmitten des Handtellers befindet,
sondern der Nagel offensichtlich durch die Handwurzel geschlagen wurde.
Zweitens stellt sich die Frage, warum an beiden Händen der Daumen nicht zu
sehen ist. Und drittens läßt sich aus dem Verlauf der Blutspuren die Position
des Verurteilten am Kreuz errechnen.
Versuche
von Dr. Barbet mit amputierten Armen (und daran hängenden Gewichten) haben
gezeigt, „daß ein Nagel in der Handfläche das Körpergewicht nicht hätte tragen
können. Da Muskeln und Sehnen hier in Richtung der Finger verlaufen, wäre die
Hand unter der Last des Körpers zerrissen worden“[75].
Schlug man den Nagel jedoch durch den Handwurzelknochen, so bot dieser sicheren
Halt und trug so das Gewicht des Körpers. „Auf der Rückseite der Hand tritt er
zwangsläufig an einer ganz bestimmten Stelle aus. Nach den Messungen Barbets
stimmt das genau mit der Stelle überein, die auf dem Turiner Tuch als
Austrittstelle des Nagels zu erkennen ist“[76].
Obwohl bei der Durchnagelung an dieser Stelle keine lebensnotwendigen Adern
getroffen werden, wird ein wichtiger Nerv, der nervus medianus, verletzt. Dies ist deshalb von Bedeutung, da sich
hier die Erklärung für die „verschwundenen Daumen“ am Tuchbild findet. Die
Verletzung dieses Nervs bringt nämlich eine Lähmung des Daumens mit sich. „Da
am Kreuz beide Daumen an den Händen oben sind, sinken sie infolge dieser
Lähmung herab. In dieser Position verbleiben sie, da die Leichenstarre sehr
schnell eintritt. Werden nach der Kreuzesabnahme die Arme vor dem Körper
gekreuzt, kommen die Daumen unter den Handflächen zu liegen“[77].
Und logischerweise kann nun auch auf dem darüber liegenden Leichentuch kein
Abdruck der Daumen zu finden sein.
Nun zur
Frage nach dem Verlauf der Blutspuren. Es gehen nämlich von der Handwunde zwei
Blutgerinnsel aus, die ja eigentlich den Gesetzen der Schwerkraft folgend,
senkrecht nach unten fließen müßten. Es ergibt sich bei genauerer Analyse, daß
sich der Gekreuzigte im Laufe seines Todeskampfes wohl in zwei verschiedenen
Positionen - nämlich hängend und
stehend - am Kreuz befunden hat.

Abb. 9: Positionen am Kreuz.
„Ein
solcher Wechsel zwischen Stehen und erschöpftem Hängen war am Kreuz möglich,
wenn das Kreuz eine Fußstütze hatte“[78].
Es ist historisch belegt, daß es solche Fußstützen an Kreuzen gegeben hat.
Eingesetzt wurden sie, um die Qualen des Gekreuzigten noch zu verlängern, indem
sich dieser immer wieder aufrichten konnte, bzw. mußte, um die Atemnot zu
lindern, nur um gleich wieder erschöpft abzusacken, bis nach vielen qualvollen
Stunden endlich der Tod eintrat.
Betrachtet
man die Vorderseite des TG, fällt auf, daß hier die Füße ganz fehlen, lediglich
auf der Rückseite lassen sich die Abdrücke klar erkennen. Dies liegt in der
Tatsache begründet, daß ja die Füße nicht völlig ausgestreckt ins Leichentuch
eingeschlagen wurden, sondern zuerst „das untere
Tuchende über die Fußsohlen und Zehen hochgeschlagen [...]“ wurde. „Danach
wurde das obere Tuchende (für den Betrachter die Antlitzseite) über die Füße
gezogen und dabei unter den Fersen noch etwas eingeschlagen“[79].

Abb. 10: Lage des Leichnams im Tuch.
Es
genügt jedoch die Ansicht auf der Rückseite, um Rückschlüsse auf die Art der
Fußwunde ziehen zu können. Wilson zitiert Dr. Robert Bucklin, der folgende
Zusammenfassung gab: „Im mittleren Teil dieses Fußabdruckes ist ein kleiner
rechteckiger Fleck, etwas mehr zum Innen- als zum Außenrand hin. Diese Spur ist
ganz eindeutig das Mal eines Nagels, und man kann sehen, daß der Nagel zwischen
den Mittelfußknochen an der Fußsohle ausgetreten ist“[80].
Da die Fußwunde bei der Abnahme vom Kreuz wahrscheinlich nochmals aufgerissen
wurde, liegt hier die Erklärung für den relativ starken Blutabdruck, den wir
auf dem Tuch sehen. Außerdem sei das Tuch an der Stelle der rechten Ferse etwas
faltig gelegen, „so daß sich diese Blutspur doppelt abbilden konnte. [...] Auch
der dunkle Fleck unterhalb der Vorderansicht muß durch dieses Blut an der
Fußsohle verursacht sein, zumal auch die doppelte Blutspur neben der Ferse
nochmals zu erkennen ist“[81].
Besonderes
Interesse galt auch dieser Wunde, welche sich auf der rechten Seite des
Körpers, also auf der linken Seite des Tuches, zwischen der fünften und
sechsten Rippe befindet. Sie hat eine Größe von 4,5 x 1,5 cm und eine große
Blutspur, die besonders gut auf der Rückenansicht zu erkennen ist, geht von ihr
aus. „Form und Größe der Wunde entsprechen den blattförmigen Spitzen von
Lanzen, die von römischen Hilfstruppen benutzt wurden“[82].
Interessant ist auch die Beobachtung, daß anscheinend nicht nur Blut alleine
aus der Wunde ausgetreten ist, sondern man kann einige klarere Stellen
erkennen, „die auf eine Vermischung einer hellen Flüssigkeit mit den [sic!]
Blut hindeuten“[83]. Diese
helle Flüssigkeit wurde vielfach als „seröse“ Flüssigkeit gedeutet, die sich
bei schwerer körperlicher Mißhandlung in Körperhohlräumen ansammeln kann und
dann nach dem Lanzenstich mit dem Blut austrat. Dr. Sava - so Ian Wilson -
hatte während seiner chirurgischen Tätigkeit selbst dieses Phänomen beobachtet
und folgende Theorie aufgestellt. „Nach Sava könnten die Hiebe, die über die
Schultern zur Vorderseite des Körpers niederprasselten, wie die Geißelspuren
auf der Brust des Mannes des Grabtuches zeigen, gut eine solche Ansammlung von
Flüssigkeit in dem Pleuralraum bewirkt haben“[84].
Den Austritt stellte sich Sava folgendermaßen vor: „Wie Sava zeigt, hätte zu
dieser Zeit ein Einschnitt zwischen der fünften und sechsten Rippe [...] das
sofortige Hervortreten zunächst der dicken zellularen blutigen Schicht
verursacht, dem bei Sinken des Spiegels die farblose wäßrige Flüssigkeit
(Serum) folgte [...]“[85]. Barbet versuchte ebenfalls eine Erklärung
dafür zu finden, glaubte aber, daß diese Flüssigkeit sich erstens im Herzbeutel
ansammelte und zweitens auch nur in geringen Mengen vorhanden wäre. Auch der
deutsche Röntgenologe Dr. Mödder stellte Versuche in diese Richtung an und kam
im wesentlichen zu ähnlichen Ergebnissen.
Welche
Schlüsse ziehen nun die Sindonologen aus diesen Ergebnissen? Zuerst sei gesagt,
daß auch unter den Befürwortern der Echtheit nicht in allen Punkten Einigkeit
herrscht. Im wesentlichen werden die durch die Gerichtsmedizin gewonnenen
Erkenntnisse als Bestätigung dafür gewertet, daß es sich erstens bei dem
Grabtuch tatsächlich um ein Leichentuch eines Gekreuzigten handelt, und daß
zweitens dieser Tote niemand anderer als Jesus Christus sein könne. Man könne
quasi in allen Details die Berichte der Passion in den Evangelien am TG
nachvollziehen.
Zur
Dornenhaube wurde bereits gesagt, daß dies allgemein als Beweis für die
Echtheit des TG gewertet wurde, hätte doch ein mittelalterlicher Fälscher nicht
wissen können, daß Jesus in Wahrheit nicht mit einer Dornenkrone, sondern einer
Dornenhaube gekrönt wurde. Außerdem wurden zwar in Palästina viele Verbrecher
gekreuzigt, aber „dieser muß als ein Anführer der „jüdischen Staatsverbrecher“
gegolten haben, denn die römische Soldateska hat ihm die orientalische
Königshaube aus Dorngestrüpp aufgesetzt, um ihn so als Möchtegern-König der
Juden zu verhöhnen - wie Jesus“[86].
Auch
die Spuren der Geißelung werden einstimmig als Hinweis auf Jesus gewertet,
obwohl diese zwar Teil des „Standardprogramms“ einer Kreuzigung war und somit
auch bei jedem anderen Verurteilten vollzogen wurde. Aber immerhin können die
Spuren auf dem TG als historisch korrekt eingestuft werden, da diese auf die
Verwendung einer römischen Peitsche hinweisen.
Zur
Fußwunde haben weder die Befürworter noch die Gegner der Echtheit des TG
besonders viel zu sagen. Sie gilt aufgrund ihrer anatomisch korrekten
Wiedergabe eines bei einer Kreuzigung durchnagelten Fußes lediglich als
objektiv feststellbare Tatsache; da sie aber nicht unbedingt auf Jesus
hinweist, wurde ihr keine große Bedeutung beigemessen.
Jedoch
nimmt, wie bereits erwähnt wurde, die Handwunde einen besonderen Stellenwert in
dieser Diskussion ein, da sie im Widerspruch zur tradierten Darstellung von
Jesu Kreuzigung steht und dabei aber die eigentlich „wahre Methode“ offenbart.
Dies würde wiederum die Ansicht bestätigen, daß es sich hier nicht um das Werk
eines mittelalterlichen Fälschers handeln könne, da dieser ja nur die im
Mittelalter gebräuchliche Darstellungsweise kennen konnte. Außerdem waren
Kreuzigungen ja zu diesem Zeitpunkt längst abgeschafft, also quasi kein
„Anschauungsunterricht“ mehr möglich.
Ähnlich
verhält es sich mit der Seitenwunde, die einerseits in ihrer Form übereinstimmt
mit der Form des Blattes einer römischen lancea und andererseits in sich
selbst ein untrügliches Zeichen für Jesus ist, wurden doch den anderen
Verurteilten bekanntermaßen die Schenkel zerschlagen, um den Eintritt des Todes
zu beschleunigen. Doch Jesus, den man ja bereits tot glaubte, wurde „nur“ durch
einen Lanzenstich in die Seite quasi offiziell für tot erklärt. Als
problematisch wurde ja, wie bereits erwähnt, die Tatsache des Austritts von
„Blut und Wasser“, wie es in den Evangelien zu lesen ist, gesehen. In der
neueren Bibelexegese kam man zu der Ansicht, daß dies lediglich symbolisch zu
sehen ist, „etwa als Hinweis auf Taufe und Abendmahl“[87].
Verschiedene Theorien, um diesen getrennten Ausfluß von Blut und „Wasser“ zu
erklären, wurden hier bereits vorgestellt, deshalb sei hier den Gegnern dieser
Ansichten das Wort erteilt. Besonders Josef
Dirnbeck spricht sich wieder einmal heftig gegen solche, wie er es nennt
„unsinnige“ Ideen aus. „Vermutlich wären die Exegeten ohnehin nicht so „mutig“
gewesen, den Lanzenstich für unhistorisch zu erklären, wenn sie nicht gewußt
hätten, daß das mit dem Blut und dem Wasser in medizinischer Hinsicht einfach
unsinnig ist. Es ist natürlich rührend zu sehen, welche Mühe man sich gegeben
hat, mit der Rede von einer „farblosen, serösen Flüssigkeit“ oder von einem
„Transsudat“ und dergleichen doch noch eine irgendwie plausibel klingende
medizinische Erklärung für das Phänomen zu finden, aber warum soll ein Symbol
nicht ein Symbol sein dürfen?“[88]
Hier zeigt sich wieder einmal sehr deutlich, wie fundamentalistische und
historisch-kritische Bibelauslegung aufeinanderprallen. Detailliertere
Ausführungen zu dieser Problematik finden sich im Kapitel „Grabtuch und
Exegese“. An dieser Stelle sei nur gesagt, daß eben die Grabtuchbefürworter in
der Seitenwunde, bzw. im Vorhandensein von etwas, das wie „Blut und Wasser“
aussieht, einen Beweis dafür sehen, daß die Bibel doch recht hat; und sich hier
in ihrer wortwörtlichen Auslegung der Evangelienberichte bestätigt sehen.
Dirnbeck weist außerdem noch darauf hin, daß einige der Grabtuchbefürworter die
Seitenwunde nicht links, sondern rechts sehen! „Wobei man als Leser allmählich
die Lust verliert, den jeweiligen Ausführungen mit detektivischer Akribie
hinterherzuermitteln, nur um dann sicher zu sein, ob sie nun rechts am Tuch,
also links am Körper, bzw. rechts am Fotonegativ, oder aber links
am Tuch, also rechts am Körper, bzw. links am Fotonegativ – oder
aber alles spiegelverkehrt – meinen“[89].
Hier kann ich Dirnbeck nur beipflichten, es ist nach einiger Zeit schon recht
ermüdend, den teilweise überdetaillierten Schilderungen und den oftmals nicht
so recht nachvollziehbaren Schlüssen, die daraus gezogen werden, zu folgen.
Doch dies scheint leider ein allgemeiner Wesenszug der Diskussionen rund um das
Grabtuch zu sein, ebenso wie sich die Objektivität im Zuge der heftigen
Auseinandersetzungen nur allzu oft verliert.
Im
wesentlichen wird in diesem Kapitel die Arbeit eines einzigen Wissenschaftlers
präsentiert, des Kriminologen und Botanikers Dr. Max Frei. Er hatte es sich zur
Aufgabe gemacht, den Blütenstaub, der sich auf dem TG über die Jahrhunderte
hinweg abgelagert hatte, zu analysieren, zu klassifizieren und somit eine
mögliche Route des TG (vor dem 14.Jahrhundert) zu rekonstruieren. Wie unschwer
zu erkennen ist, sollten die Ergebnisse dieser Forschungen wieder zur
Untermauerung der Echtheitshypothese dienen. Daher ergibt sich auch das
Problem, daß seine Studien vor allem in der Literatur der Befürworter der
Echtheit ausführlich zitiert wird, während ein Gegner wie Josef Dirnbeck Max
Frei mit „seinen Pollen“[90]
nicht viel abgewinnen kann.
Da Max
Frei am 14. Januar 1983 kurz vor der Drucklegung seines Werkes verstarb,
übernahm Werner Bulst, der über längere Zeit mit ihm in freundschaftlicher
Weise zusammengearbeitet hatte, die Aufgabe, das Manuskript für die Drucklegung
vorzubereiten[91]. Ich
erwähne dies deshalb, weil er auch derjenige ist, der der Arbeit von Max Frei
ein eigenes Kapitel in seinem Buch[92]
gewidmet hat und meine Ausführungen hier sich im wesentlichen daran
orientieren.
Max
Frei war der Gründer und für viele Jahre auch der Leiter der wissenschaftlichen
Abteilung der Züricher Polizei. „Er hatte ganz neue mikrobiologische Methoden
in die Kriminalistik eingeführt. Beides - Pflanzengeographie und Mikrobiologie
- ermöglichten ihm Forschungen und Erkenntnisse am Turiner Tuch, zu denen kaum
ein anderer Wissenschaftler in der Lage gewesen wäre“[93].
Auf diese Methoden kann im Rahmen dieser Arbeit nicht im Detail eingegangen
werden, auch können nicht alle von Max Frei entdeckten Pollen vorgestellt
werden (hier verweise ich wieder auf das schon erwähnte Buch von Bulst, sowie
auf Ian Wilson, dessen Buch[94]
auch eine Auflistung der gefundenen Pollen beinhaltet), vielmehr soll hier nur
ein Überblick über seine Arbeit und vor allem die Ergebnisse derselben gegeben
werden.
Am
23.11.1973 begann Max Frei mit der Abnahme von Proben vom TG, und zwar „konnte
Dr. Frei an 12 Stellen des Tuches mit Haftstreifen Materialproben (je 10 bis 20
qcm) abnehmen. Die Methode erwies sich als so erfolgreich, daß bei der
Direktuntersuchung des Tuches Anfang Oktober 1978 von ihm weitere
Materialproben und mit nochmals 36 Haftstreifen Proben für spätere
Untersuchungen in verschiedenen Instituten abgenommen wurden“[95].
Zur Auswertung der Proben, die zum großen Teil noch unklassifizierte Pollen
enthielten, unternahm Frei „sieben ausgedehnte Forschungsreisen in alle Länder,
die für das Turiner Tuch, sollte es echt sein, in Betracht kamen, also in den
Nahen Osten, einschließlich Kleinasien bis Konstantinopel und Zypern“[96].
Nach neun langen Jahren der Forschung konnte er von den 59 Pollenarten 58
bestimmen, und er kam zu folgendem Ergebnis: Die Mehrzahl der Pollen auf dem TG
stammt von nichteuropäischen Pflanzen.
Genauer heißt das, von den insgesamt 58 Pflanzenarten kommen 17 in West- und
Südeuropa vor, 19 sind im Mittelmeerraum verbreitet. Interessant ist, daß 44
der Pflanzenarten in Jerusalem gefunden wurden, 14 davon wachsen ausschließlich
in dieser Gegend. 23 weitere wurden in Südanatolien gefunden, mit einer Art,
die ausschließlich dort beheimatet ist. 14 Pflanzenarten wurden in
Konstantinopel gefunden, darunter wieder eine Art, die ausschließlich dort
wächst. Ergänzend dazu vermerkt Bulst: „Selbstverständlich wachsen die in
Jerusalem gefundenen Pflanzenarten nicht ausschließlich dort. 16 Pflanzenarten
wurden sowohl dort wie im Raum Urfa nachgewiesen. [...] Entscheidend für die
Beurteilung ist die Gesamtheit der typisch Jerusalemer Flora, die sich in den
Pollen auf dem Turiner Tuch manifestiert. Ähnliches gilt für die
südanatolischen Arten“[97].
Als Bestätigung für Freis Ergebnisse können die pollenanalytischen Forschungen
der Universität von Tel Aviv gelten, wonach „alle Pflanzenarten, von denen
Pollen auf dem Turiner Tuch vorhanden sind, auch schon vor 2000 Jahren in
Palästina [wuchsen]“[98].
Für
Bulst ist die Schlußfolgerung aus dem Befund eine eindeutige: da die Geschichte
des TG seit dem 14.Jahrhundert lückenlos dokumentiert ist und es seit dieser
Zeit erwiesenermaßen nie im Nahen Osten oder Kleinasien war, muß das TG schon vorher existiert haben und in diesen
Gebieten gewesen sein. Er läßt keine Einwände von angeblich „nicht-fachkundiger
Seite“[99]
wie zum Beispiel den folgenden gelten: die Pollen könnten aber doch durch Windverbreitung
bis nach Frankreich und somit auf das Tuch gekommen sein. Dies sei völlig
auszuschließen, denn die meisten Pollenarten seien gar nicht für so eine
Verbreitungsart geeignet, die Winde aus dem östlichen Mittelmeer würden auch
gar nicht in Richtung Süd- und Westeuropa orientiert sein und „Pollen konnten
auf das Tuch nur gelangen, wenn es offen ausgestellt war. Das war nur selten
und jeweils für begrenzte Zeit der Fall. Es wäre unsinnig anzunehmen, daß
gerade an diesen Tagen stürmische Winde aus Nahost nach Westeuropa wehten, die
es sonst praktisch nicht gibt. Da nicht alle Pflanzen zur gleichen Zeit blühen,
hätte sich das wiederholt und immer gerade an Tagen einer Ausstellung des
Tuches ereignen müssen“[100].
Diese
Erklärung klingt einleuchtend und auch die Ergebnisse von Freis Pollenanalyse
erscheinen durchaus glaubwürdig. Er selbst hat aber in all dem trotzdem nicht
den endgültigen Beweis gesehen, daß dies wirklich das Grabtuch Jesu sei, er
bemerkt lediglich: „Ich weiß nicht, ob in diesem Linnen die Leiche Jesu Christi
eingewickelt war und ob es sich um das gleiche Linnen handelt, von dem im
Evangelium die Rede ist. Ich kann jedoch mit Sicherheit behaupten, daß dieses
Gewebe aus der Zeit Christi stammt und daß es in Palästina, der Türkei, in
Frankreich und schließlich in Italien der freien Luft ausgesetzt war“[101].
Wie er jedoch allein durch die Analyse der Pollen zu dem Schluß kommen will,
daß dieses Tuch aus der Zeit Christi stammt, wird nicht näher erläutert.
Daß
dieser Befund von den Verteidigern der Echtheit des TG mit offenen Armen
aufgenommen wurde, ist daher nur zu verständlich. Ian Wilson sieht zum Beispiel
darin einen Beweis für seine Mandylion-Theorie: „Das Wesentliche ist jedoch,
daß die historischen Argumente, die in diesem Buch [Wilsons Buch, Anm. d.
Verf.] vorgebracht werden, in ihrer Substanz durch Dr. Max Freis Erkenntnisse
bestärkt werden“[102].
Auch Läpple ist von der Wichtigkeit (und Richtigkeit) von Freis Arbeit
überzeugt: „Bisher nicht bekannte Hilfen um die Herkunft und Route des
Grabtuches Jesu festzulegen, hat die Untersuchung des Naturwissenschaftlers Dr.
Max Frei-Sulzer gebracht“[103].
Der bereits eingangs erwähnte Gegner der Echtheit, Josef Dirnbeck, erwähnt zwar
Freis Untersuchung und gibt dessen Ergebnisse auch korrekt wieder, als Beweise
für die Echtheit läßt er sie jedoch nicht gelten. Aber auf seine Argumentation
(im Zusammenhang mit der Echtheit des TG im allgemeinen) werde ich später noch
zu sprechen kommen.
Gruber
und Kersten widmen der Untersuchung Freis ebenfalls ein Kapitel[104]
ihres Buches, und da sie ja auch zu den Verfechtern der Echtheit zählen,
begrüßen sie diese als weiteren Baustein im „Beweisverfahren: Echtheit des TG“.
Sie zitieren aber auch einige der Bedenken, die gegenüber Freis Ergebnissen
geäußert wurden. „Man hatte sich gewundert, daß auf dem Grabtuch überhaupt so
viele Pollen zu finden waren, als ob es ein rechter „Pollenfänger“ wäre, man
hatte gewisse Zuordnungen kritisiert, und nicht zuletzt wurde zu bedenken
gegeben, wieso ausgerechnet Olivenpollen oder die vielen Gramineen-Arten
(Gräser) fehlen, obwohl diese für die Umgebung von Jerusalem typisch gewesen
wären. Zugegebenermaßen können bislang keine endgültigen Antworten darauf
gegeben werden, und die meisten Kritiker formulieren ihre Bedenken vorsichtig,
zumal sie prinzipiell von der unanzweifelbaren Arbeit Freis überzeugt sind“[105].
Trotz der „nicht endgültigen Antworten“ also sind sie aber davon überzeugt, daß
Frei mit seiner Arbeit einen Beweis für die Echtheit des TG geliefert hat.
Auch in
Wilcox` Buch finden Freis Untersuchungsergebnisse Erwähnung, jedoch zitiert er
diese nur aus zweiter Hand, nämlich der Aussage Pater Rinaldis, eines Priester
im Staate New York, folgend: „Die genaue Untersuchung hat ergeben, daß sich auf
dem Leichentuch winzige Pollenreste von Pflanzen befinden, die nur zu Lebzeiten
Christi und auch hier wieder ausschließlich in Palästina vorkamen“[106].
Demgegenüber betont aber Bulst, daß es sich bei dieser Annahme (die Pollen
hätten nur zur Zeit Christi existiert) um eine Fehlinformation handelt, im Gegenteil,
es „ [...] ist zu sagen, daß sie alle auch heute dort wachsen. Eine
Identifizierung der zunächst unbekannten Pollen war ja nur durch den Vergleich
mit Pollen heutiger Pflanzen möglich“[107].
Nun bleibt die Frage, ob Frei zwei verschiedene (einander ausschließende)
Ergebnisse seiner Forschungen vorzuweisen hatte, oder ob es sich bei Wilcox
(wieder einmal!) um eine ungenügend recherchierte Aussage handelt. Ich tendiere
eher dazu, die letztgenannte Möglichkeit für die plausiblere zu halten.
Außerdem soll Frei, laut Gruber und Kersten, selbst bestätigt haben, keine
solchen Pollen gefunden zu haben: „Frei bedauerte, wie er selbst schrieb, keine
solchen Pollen entdeckt zu haben, die freilich einen besonders stichhaltigen
Beweis für das Alter und die Echtheit des Tuches erbracht hätten“[108].
Und
obwohl ich selbst keine Expertin auf dem Gebiet der Palynologie bin, möchte ich
doch noch anmerken, daß das Vorhandensein dieser Pollen meines Erachtens noch
nicht ausreicht, um das TG als „echt“ zu auszuweisen. Der Stoff für eine
mittelalterliche Fälschung hätte ja genauso gut aus dem Nahen Osten stammen
können, dafür muß das Tuch noch nicht echt gewesen sein. Gerade im Zusammenhang
mit den Kreuzzügen fanden sicherlich viele Waren aus Palästina ihren Weg nach
Europa, warum nicht auch ein Stück Stoff? Und wenn es doch aus der Zeit um
Christi Begräbnis stammt, heißt dies noch nicht, daß es tatsächlich Sein Grabtuch war. Das behauptet zwar
Frei auch gar nicht, die Grabtuchapologeten jedoch sehr wohl. Angeblich hat „er
selbst [...] der Pollenanalyse gar nicht diese Bedeutung beigemessen, wie es
ihm jetzt in den verschiedenen Publikationen untergeschoben wird“[109],
so Prof. Wölfli von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, einem
Mitarbeiter an der Radiocarbondatierung des TG. Auf dieses Thema
(Radiocarbonmethode) komme ich im folgenden Kapitel zu sprechen.
Im
Jahre 1988 war es endlich soweit, die bislang wichtigste
(naturwissenschaftliche) Untersuchung am TG konnte vorgenommen werden. Die als
sehr zuverlässig geltende Methode der Radiocarbondatierung wurde bereits (vor
allem von Seiten der Verfechter der Echtheit) seit Jahren gefordert.
Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an dieses Verfahren und in den
Reihen der Grabtuch-Befürworter hatte man sich natürlich erhofft, daß diese
Untersuchung nun den endgültigen und unschlagbaren Beweis für die Echtheit
liefern würde.
Daß dem
nicht so war, wird dem interessierten Zeitgenossen nicht entgangen sein, denn
kaum eine andere „Enthüllung“ rund um das Grabtuch konnte ein so starkes
mediales Echo auch in der „nicht-wissenschaftlichen“ Öffentlichkeit erzielen.
Doch dazu und den Reaktionen der Gegner und Befürworter der Echtheit komme ich
etwas später. Zuerst soll einmal der Radiocarbontest selbst, d.h. Vorbereitung,
Durchführung und Ergebnisse desselben vorgestellt werden, wobei sich die
Ausführungen hier im wesentlichen an der offiziellen Publikation der
Testergebnisse im Magazin „Nature“ orientieren[110].
Da es sich hier um ein rein naturwissenschaftliches Thema handelt, werden sich
meine eigenen Beurteilungen, zumindest was den Vorgang des eigentlichen Tests
betrifft, eher in Grenzen halten. Es werden aber am Ende des Kapitels, wie
gesagt, einige mehr oder weniger kompetente Fachleute zu Wort kommen.
Bereits
anläßlich der ersten wissenschaftlichen Untersuchung des TG im Jahre 1969 wurde
an eine Radiocarbondatierung gedacht, aber die Methode war zu dieser Zeit noch
nicht sehr ausgefeilt und man hätte für eine aussagekräftige Analyse ein zu
großes Stück vom Tuch benötigt (ca. 500 cm²) „which would clearly have resulted
in an unacceptable amount of damage, and it was not until the development in
the 1970s of small gas-counters and accelerator-mass-spectrometry techniques
(AMS), requiring samples of only a few square centimetres, that radiocarbon
dating of the shroud became a real possibility“[111].
Es sollte aber noch fast ein Jahrzehnt dauern, bis endlich der Moment für die
Untersuchung gekommen war. Die Angebote von drei AMS-Labors (in Arizona, Oxford
und Zürich) wurden aus sieben Labors vom Erzbischof von Turin, Kardinal
Anastasio Ballestrero, ausgewählt, die Tests durchzuführen. „At the same time, the British Museum was invited to help in the
certification of the samples provided and in the statistical analysis of the
results“[112]. Die Person, die mit dieser Aufgabe betraut wurde, war Dr.
Tite, ein Charakter, der uns in dieser Diskussion noch beschäftigen wird. Es
folgte eine Konferenz mit 22 Wissenschaftlern vom 29.September bis zum
1.Oktober 1986, welche das Testverfahren vorbereiten sollte. Kurz vor der
Probenentnahme wurden noch wichtige Vereinbarungen publiziert: „Alle Maßnahmen
bei der Probenentnahme sollten überwacht und bezeugt werden durch Kardinal Ballestrero
und ihn, Tite, selbst. Überdies sollte der gesamte Vorgang durch Videofilm und
Fotografie dokumentiert werden. Alle Meßergebnisse der Laboratorien sollten ihm
persönlich und dem Metrologischen Institut „G.Colonetti“ in Turin für eine
vorläufige Analyse mitgeteilt werden. Die Laboratorien sollten ihre Resultate
vorher nicht untereinander diskutieren. Eine
abschließende Diskussion der Daten sollte in Turin bei einer Konferenz von
Vertretern des Britischen Museums, des Instituts Colonetti und der drei Laboratorien
erfolgen“[113]. Diese
Punkte werden vor allem von den Verfechtern der Echtheit des TG besonders
betont, da anscheinend einige davon nicht eingehalten wurden; was der
Glaubwürdigkeit der durchgeführten Tests - dem Urteil der Grabtuchbefürworter
folgend - nicht gerade zuträglich sei.
Am 21.
April 1988 war es dann endlich soweit, die Proben wurden vom TG entnommen.
Anwesend waren unter anderem: Kardinal Ballestrero, sein persönlicher Berater
und Physikprofessor Luigi Gonella, zwei Textilexperten, Dr. Tite und Vertreter
der drei beteiligten Labors (Prof. P.E. Damon, Prof. D.J. Donahue, Prof. E.T.
Hall, Dr. R.E.M. Hedges und Prof. W. Wölfli) und G. Riggi, der die
Probenentnahme durchführte. Das Stück von einer Größe von 10 x 70 mm wurde
gleich neben der Stelle entnommen, an der schon 1973 Prof. Raes (Gent) einige
Stücke für textilische Untersuchungen entnommen hatte, und zwar an der unteren
linken Ecke, unmittelbar neben dem später angenähten 7,5 cm breiten
Seitenstreifen. Diese Stelle war laut
Aussage der durchführenden Labors „away from any patches or charred areas“[114]
und deshalb besonders gut zur Altersbestimmung geeignet. Außerdem wollte man ja
das Tuch nur so wenig wie nötig beschädigen, deshalb wählte man einen Streifen
am Rand des Tuches. Hier setzt aber bereits die Kritik der Grabtuchbefürworter
an, da diese „Ecke eine der am stärksten verschmutzten Bereiche des TG ist“[115]
und daher zur Altersbestimmung ziemlich unbrauchbar sei. Gerade an diesen
Stellen sei das TG bei Ausstellungen immer gehalten worden und sei daher
bereits ziemlich schadhaft gewesen. Wie dem auch sei, das Stück wurde
abgeschnitten, geteilt und „jedes der Laboratorien erhielt eine Probe von der
Größe etwa einer halben Briefmarke und dem Gewicht von etwa 50 mg“[116].
Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die ganze Prozedur auf Video und Foto
dokumentiert. So liest man es auch im offiziellen Bericht in „Nature“, alles
sei festgehalten worden, „except for the wrapping of the samples in foil and
their placing in containers [...]“[117].
Daß hier wieder die Kritiker des Tests einhaken, ist wohl leicht vorherzusehen
und da der Vorgang ja nicht dokumentiert wurde, gab es reichlich Anlaß zu
Spekulationen, und es ist dies die Geburtsstunde verschiedenster
„Betrugstheorien“, wie z.B. der Theorie von den „vertauschten Proben“, wie sie
von Karl Herbst[118]
vertreten wird. Man mag nun zu diesen Versuchen, die Tests zu diskreditieren,
stehen wie man will, es erscheint auch mir zugegebenermaßen etwas
„unwissenschaftlich“ gerade einen der wichtigsten Momente, nämlich die „Verpackung“
der Teststücke nicht zu dokumentieren. Man mußte doch wissen, daß das sofort
die Kritiker auf den Plan rufen würde, noch dazu, wo ja sonst alle Schritte
dokumentiert wurden. Es kann hier nicht die gesamte, zugegebenermaßen etwas
obskure - und sehr mühsam
nachvollziehbare - Theorie von Karl Herbst vorgestellt werden, in groben Zügen
möchte ich aber doch auf sie eingehen, da sie einen nicht unwichtigen
Bestandteil der Auseinandersetzungen um den Radiocarbontest darstellt.
Kurz
gesagt geht es Karl Herbst um folgendes: „Bei der Probenahme für die
Carbonaltersbestimmung des Grabtuchs am 21. April 1988 wurden schon in Turin
und nicht erst in den Labors die drei vom Grabtuch abgeschnittenen
Leinenstückchen absichtlich mit ähnlichen Textilien aus dem Mittelalter
vertauscht“[119]. Das heißt
also, die Messungen an sich seien korrekt durchgeführt worden und auch die
Datierungen würden der Wahrheit entsprechen, bloß habe man eben das falsche
Stück Stoff datiert. Herbst entwickelt nun seine Theorie mit kriminalistischem
Spürsinn - wie es so oft in den Auseinandersetzungen um das TG zu finden ist -,
wobei mir bereits eine Ungereimtheit auffiel, nämlich daß er das abgeschnittene
Stück mit 8x2,2 cm[120]
angibt (nicht 7x1 cm, wie oben erwähnt). Doch dies ist bereits Teil seiner
detailreichen Recherche, wie noch zu zeigen sein wird. Er legt nun im folgenden
vier Argumente vor, die beweisen sollen, daß die gesamte Probenentnahme ein
abgekartetes Betrugsspiel war.
Erstens
weise die sogenannte „Oxfordprobe“ einen Fleck, bzw. Gewebeschaden auf, der auf
dem Turinfoto fehle und laut Prof. Hall auch nicht im Labor zustande gekommen
sei und auch nicht beim Abschneiden und Verpacken des Stückes passiert sein
könne. Herbsts Schlußfolgerung daher: „Also ist diese nicht identisch mit dem
Turiner Tuch“[121].
Zweitens
seien die getesteten Proben von anderer Webart als das Turiner Tuch, dieser
Meinung seien auch der Textilexperte Raes und Grabtuchforscher Bulst, im
besonderen bei der „Arizonaprobe“, aber auch bei der „Oxfordprobe“. Doch Herbst
hat seine eigene Methode des „Fädchenzählens“[122]
- wie er es selbst recht salopp ausdrückt -
entwickelt, um diese Annahme zu untermauern. Das heißt, er studiert
anhand von vergrößerten Aufnahmen des TG, bzw. jener Stelle vom Tuch, an der
die Proben entnommen wurden, den Verlauf der Webstruktur, bzw. die
Beschaffenheit der Fäden. Das ermöglicht es ihm, das Gewebe des TG zweifelsfrei
zu erkennen und von anderen zu unterscheiden. Einschränkend muß dazu aber
gesagt werden, daß auch er nicht am echten Objekt arbeiten kann, sondern auf
Fotografien angewiesen ist, so bleibt immer eine gewisse Unsicherheit. Es ist
hier nicht Platz auf all die recht mühsam durchzuarbeitenden „Fädchenzählungen“
einzugehen - wer sich mehr in dieses Thema vertiefen möchte, dem sei die Lektüre
von Herbsts Buch empfohlen - deshalb sei hier nur gesagt, daß Herbst glaubt
durch die charakteristische Abfolge von dünnen und dicken Kettfäden und
bestimmten Winkeln, in denen diese Kettfäden zu den Spitzfäden verlaufen, sowie
durch charakteristische Falten das Grabtuch identifizieren zu können. Bei den
Proben, die eigentlich vom TG stammen sollten, finde sich aber eine andere
Anordnung der Fäden, bzw. sind die beim TG festgestellten Charakteristika nicht
mehr vorhanden. Daher seine Schlußfolgerung: Weder die Probe für Arizona noch
die für Oxford seien identisch mit dem TG.
Drittens
würde die Zürichprobe ins Leere verlaufen. Zu dieser Schlußfolgerung kommt
Herbst folgendermaßen: „a) Die Zürichprobe wurde am rechten Rand der
Oxfordprobe von ihr abgetrennt.
b) Da
die Oxfordprobe mittels ihrer Falte-Spitzfaden-Kreuzung genau auf den
Grabtuchstreifen zu lokalisieren ist, zeigt sich, daß die rechts angrenzende
Zürichprobe ins Nichts verlaufen müßte, nämlich in das nicht mehr vorhandene
„Raes-Dreieck“. - Also kann die Zürichprobe unmöglich aus dem Grabtuch genommen
sein“[123].
Sein
viertes Argument bezieht sich auf die Größe des abgetrennten Stückes vom TG,
wie es bereits oben angedeutet wurde. Vereinbart war, ein Stück von 10 mm
Breite abzutrennen. „Die in Zürich getestete Probe war aber 16 bis 17 mm breit.
Jedes Kind kann das auf dem von Prof. Wölfli veröffentlichten Dokument [...]
nachmessen. Da die Oxfordprobe nach Gestalt ihr gleicht, war sie ebenfalls 16
bis 17 mm breit“[124].
Nun sei es zwar möglich, mit Hilfe einer Schere ein Stück Stoff von 16 auf 10
mm zu reduzieren, umgekehrt diesen zu „vermehren“ sei aber nur durch einen
Trick, soll heißen: Betrug, möglich. Das soll also heißen, daß jemand - wen er
denn nun genau verdächtig, präzisiert Herbst leider nicht, er meint nur, daß
für ihn wohl Tite, Gonella und Ballestrero in die engere Wahl kämen, aber er
spricht kein endgültiges „Urteil“ - die Proben nach dem abschneiden vom TG
ausgetauscht haben mußte. Es ist klar, daß er der Meinung ist, es könne
jemandem - aus kirchlichen Kreisen? - unangenehm sein, wenn es sich
herausstellen sollte, daß das Tuch doch echt ist. Nun erscheint dies aber
ziemlich absurd, denn gerade die Kirche sollte doch vermehrtes Interesse daran
haben, endlich eine wirklich „echte“ - nach naturwissenschaftlichen Prinzipien
„getestete und für gut befundene“ - Reliquie zu besitzen.
Herbst
hat jedoch auch für dies eine Erklärung parat. Seiner Meinung nach ist das
Grabtuch erstens natürlich echt und zweitens der Beweis dafür, daß Jesus nicht bei der Kreuzigung starb, sondern
diese überlebt hatte. Und hier liege der Sprengstoff versteckt. Es soll hier
nun nicht diskutiert werden, wie er zu dieser Annahme gekommen ist - dies würde
zu weit vom eigentlich Thema des Kapitels, dem Radiocarbontest, wegführen -,
außerdem wird im Kap. „Grabtuch und Exegese“ auf diese Theorie, die auch von
den Autoren Gruber und Kersten vertreten wird, noch genauer eingegangen. Es
soll nur soviel gesagt werden, daß laut Herbst diese „Tatsache“ vielen
Kirchenoberen nicht gefalle, da sie ja den gesamten auf der Auferstehung Jesu
basierenden Osterglauben plötzlich jeder Grundlage berauben würde. Und somit
müsse alles nur mögliche getan werden, einschließlich Betrug, damit die
Christenheit nicht die „Wahrheit“ über Jesus erfahren würde. Mit seinen eigenen
Worten heißt es folgendermaßen: „ Kardinal Ballestrero mußte (mit seinem
Auftraggeber?) die Echtheit des Grabtuchs bezweifeln, weil dessen Blutspuren
bezeugen (könnten), daß der wirkliche Jesus nicht am Kreuz starb und vom Tode
auferstand. Dies aber durfte nicht sein, weil dadurch das (paulinische)
Grunddogma von der Erlösung durch den Sühnetod des Gottesmenschen und somit das
Glaubensfundament der Kirche zerstört worden wäre“[125].
Nun
aber wieder zurück zum eigentlichen Vorgang des Tests. Wie die Probenentnahme
vor sich ging, wurde bereits gezeigt. Den Labors wurden also je ein Stück vom
TG ( entspricht sample 1 in der Tabelle) übergeben, gemeinsam mit zwei
Kontrollstücken (sample 2: Stück aus einen nubischen Grab aus dem 11. Jahrhundert
und sample 3: Stück aus dem Grab der Kleopatra um Christi Geburt). Daß es auch
ein drittes Kontrollstück geben sollte, wurde erst am Tag der Probenentnahme
bekannt, es handelte sich dabei (sample 4 ) um Fäden aus dem Chormantel des
Ludwig von Anjou (um 1300). Diese Tatsache sei
- folgt man der Argumentation der Grabtuchbefürworter - von Dr. Tite
zuerst verschwiegen worden, ein weiterer Hinweis, daß hier angeblich mit
betrügerischen Mitteln gearbeitet worden sei. Herbst sieht in diesem letzten
Kontrollstück - also in dem Chormantel, von dem es stammt -, das ja von der
Zeit her genau in die vom Test bestimmte Entstehungszeit des TG paßt, das Stück
durch das die Proben vom TG ausgetauscht wurden. So würde dann das Alter passen
und es wäre auch durch die Zerfaserung des 4.Kontrollstückes nicht zu erkennen
gewesen, daß nun dieses Stück die exakt gleiche Webart wie die vermeintlichen
Stücke vom TG aufweist. Das möge aber der Einschätzung eines jeden selbst
überlassen bleiben, ob er und wenn ja, wieviel er davon glauben will.
Folgende
Tabelle enthält die Basisdaten der einzelnen Messvorgänge der drei beteiligten
Labors, wobei die Ergebnisse in „Carbonalter“, d.h. der Zeit zwischen dem Test
und dem errechneten Beginn des Zerfallsprozesses, wiedergegeben werden. Die zweiten
Zahlen neben dem errechneten Alter der Proben beziehen sich auf die
durchschnittliche Meßabweichung.

Abb. 11: Tabelle
der Meßergebnisse (Carbonalter).
Zu den
Meßvorgängen selbst ist zu lesen, daß die Labors alle Stücke wieder unterteilen
und diese verschiedenen mechanischen und chemischen Reinigungsvorgängen
unterzogen wurden, „because it was not known to what degree dirt, smoke or
other contaminants might affect the linen samples [...]“[126].
Die genaue Auflistung und Beschreibung dieser Reinigungsprozeduren möge man dem
Magazin „Nature“ entnehmen, es würde zu weit führen, all diese Details hier zu
präsentieren.
Interessant
wird es wieder bei den Ergebnissen der Tests, wie sie den Abbildungen 11 und 12
zu entnehmen sind. Der Verständlichkeit halber wird im folgenden auch die
Tabelle angefügt, die das Alter der Proben in „Kalenderdaten“ angibt.

Abb. 12: Tabelle der Meßergebnisse in
Kalenderdaten.
Hier
werden jeweils zwei Daten genannt: „Das erste berücksichtigt 68% aller
Meßwerte; die extremeren werden weggelassen. Das zweite bezieht 95% der
Meßwerte ein. Auch diese liegen noch in einem relativ engen Rahmen. Die
restlichen 5% bleiben unberücksichtigt, weil mit „Ausreißern“ zu rechnen ist,
die das Ergebnis verzerren könnten“[127].
Das interessante Ergebnis ist natürlich jenes vom TG
(sample 1), im offiziellen Bericht heißt es dazu: „The results of radiocarbon
measurements at Arizona, Oxford an Zurich yield a calibrated calendar age range
with at least 95% confidence for the linen of the Shroud of Turin of AD
1260-1390 (rounded down/up to nearest 10 yr). These results therefore provide
conclusive evidence that the linen of the Shroud of Turin is mediaeval“[128]. Diese Ergebnisse wurden, so heißt es im Bericht weiter,
an Prof. Bray vom Metrologischen Institut Colonetti in Turin weitergeleitet. „He confirmed that the results of the three laboratories were mutually
compatible, and that, on the evidence submitted, none of the mean results was
questionable“[129].
An
einer so klaren Aussage sollte es eigentlich nichts mehr zu bezweifeln geben,
dennoch, so kann man einwenden, sind natürlich auch die Naturwissenschaften
nicht unfehlbar. Und der Vorwurf, der den Durchführenden der Tests von den
Befürwortern der Echtheit gemacht wurde, war ja - zumindest zuerst - nicht der,
daß sie ungenau gemessen hätten oder sonst wie ihre Arbeit nicht gut gemacht
hätten; sondern der, daß ihnen ein falsches
Stück Stoff untergejubelt wurde, dieses wurde zwar korrekt getestet, aber das sage dann logischerweise nichts über das
Alter des TG aus. Ich erwähne hier zuerst,
da Bulst z.B. auch die Vermutung äußert, daß, wenn auch das TG getestet worden
wäre - also die Annahme von der Vertauschung der Proben sich als falsch
herausstellen sollte -, es trotzdem sein könnte, daß Verunreinigung
(Kontamination) des Stückes Stoff ein falsches Ergebnis bewirken hätte können.
„Beim TG muß man schon ganz allgemein mit erheblichen Kontaminationen rechen.
Mikroaufnahmen zeigen verschiedenartigstes Fremdmaterial, auch organischer
Natur wie Pilzgewächse, Pollenkörner. Vieles davon ist mit den Fäden und Fasern
des Tuches verwachsen“[130].
Nur selten gehe der radioaktive Zerfall von C14 ohne störende
Einflüsse von sich, und das TG war eben bereits Opfer zweier Brände, außerdem
sei es oftmals ausgestellt worden, dabei wurde es mit bloßen Händen gehalten
und war Kerzenrauch und Weihrauchdunst ausgesetzt. Gerade die Ecke, wo man das
Probestück abschnitt, sei eine der besonders kontaminierten gewesen, deshalb
sei es sehr eigenartig, wenn Wölfi schreibt, daß „die Proben nicht meßbar verunreinigt“[131]
gewesen seien. Für Bulst kann das also nur heißen: „Dann stammte dieses Probestück nicht vom TG!“[132].
Auf den
Punkt gebracht lautet die Kritik also folgendermaßen: Es böten sich zwei
Möglichkeiten an: entweder stammt das Stück nicht vom TG, oder es ist zwar vom
TG, aber so verunreinigt, daß es ein falsches Ergebnis gebracht hat.
Nun
steht in dieser Causa Aussage gegen Aussage und es ist wohl schwer bis
unmöglich hier die Wahrheit aus all den widersprüchlich geführten Diskussionen
herauszufiltern. Die Aufgabe dieser Arbeit ist es auch, diese verschiedenen
Standpunkte zu präsentieren und - soweit möglich - auf deren Plausibilität hin
zu überprüfen. Da dies aber gerade beim Radiocarbontest sehr schwierig
durchzuführen ist - in Ermangelung der Zugänglichkeit des „Originalmaterials“,
sprich: des TG -, können hier auch meinerseits nur Vermutungen geäußert werden.
Und ich muß zwar einerseits sagen, daß ich der schon viel erprobten Methode der
Radiocarbondatierung eigentlich Glauben schenke, anderseits aber finde ich
gerade die nicht lückenlose Dokumentierung des Vorganges der Probenentnahme
doch recht unwissenschaftlich. Das fordert meines Erachtens doch geradezu
Kritik und Zweifel an der Lauterkeit der Durchführung heraus. Und es stimmt
auch, daß auf eine Diskussion mit den Befürwortern der Echtheit anscheinend
wenig bis gar kein Wert gelegt wurde, und diese sich daher mit der
Forschungsarbeit, die sie geleistet hatten, völlig ignoriert gefühlt hatten.
Das heißt jetzt nicht, daß auch ich eine Anhängerin einer dieser
„Betrugstheorien“ bin, manches, besonders Herbsts „Fächdenzählmethode“, erscheint
auch mir etwas schwer nachvollziehbar, trotzdem glaube ich können die
Diskussionen um das TG auch nach dem Radiocarbontest noch nicht für beendet
erklärt werden.
In
diesem Kapitel soll eine der interessantesten und zugleich umstrittensten
Fragen rund um das TG erläutert werden, nämlich die der Entstehung des
Abbildes. Einiges zu diesem Thema ist ja im Laufe der Arbeit bereits erwähnt
worden, doch an dieser Stelle soll noch einmal ein strukturierter Überblick
über die verschiedenen Ergebnisse vorgelegt werden.
Einleitend
muß noch gesagt werden, daß in den folgenden Ausführungen vorausgesetzt wird,
daß es sich beim TG um kein Kunstwerk,
d.h. Gemälde oder ähnliches handelt; sonst wäre es ja ohnehin müßig, nach der
Art der Entstehung zu fragen. Der Vollständigkeit halber wird jedoch auch diese
Möglichkeit hier ausgeführt. Daraus ergibt sich logischerweise, daß sich im
wesentlichen die Vertreter der Echtheit darum bemüht haben, eine Erklärung zu
finden und somit eine gewisse Einseitigkeit in der Auswahl der Literatur
unvermeidbar war. Das will aber nicht heißen, daß hier unbedingt der Beweis für
die Echtheit des TG zu finden ist, denn auch wenn es erwiesen ist, daß das TG
kein Gemälde im weiteren Sinn ist, so schließt das nicht aus, daß es sich
trotzdem um eine Fälschung handeln könnte, wenn man in Betracht zieht, daß
jemand einen Körperabdruck auf welche Weise auch immer zustande gebracht haben
könnte.
Wichtig
ist hier auch noch festzuhalten, daß es sich wohl um zwei verschiedene
Abbildungsvorgänge für Bild- und Blutspuren handelt. Erstens scheinen die
Blutspuren zuerst auf das Tuch gekommen zu sein, da sich darunter keine
Bildspuren ausmachen lassen. So auch Bulst : „Unter den Blutstellen sind die
Fasern nicht verfärbt. Die Blutspuren müssen also vor der Entstehung des
Körperbildes auf das Tuch gekommen sein und das Tuch gegen die Einwirkung jener
Faktoren abgeschirmt haben, die das Körperbild bewirkten“[133].
Zweitens haben sie das Tuch durchdrungen, während die Bildspuren nur an der
Oberfläche zu sehen sind. Und drittens sind die Blutspuren auch von dem
charakteristischen Negativeffekt des TG ausgenommen; sie erscheinen auf dem
Original wirklich dunkel und auf dem fotografischen Negativ hell, also wie bei
einem „echten“ Negativ. Hier ist noch wichtig anzumerken, daß inzwischen
wissenschaftlich nachgewiesen wurde, daß es sich bei dem Blut um echtes
Menschenblut handelt. „Der Bio-Physiker Dr. John Heller vom Neuengland-Institut
konnte sogar mit Hilfe chemischer und spektroskopischer Tests in markanten
Blutspurenbezirken Hämoglobinkristalle gealterten Bluts aufspüren. [...]
Inzwischen ist es drei Italienern (Pierluigi Baima Bollone, Maria Jorio und
Anna Lucia Massaro) gelungen, Spuren menschlichen Blutes an entnommenen
Tuchfäden mit Hilfe der Methode der Antikörperfluoreszenz nachzuweisen“[134].
Außerdem weiß man inzwischen sogar schon, daß der Mann auf dem Tuch Blutgruppe
AB hatte[135].
Da
keine der Theorien einleuchtend zu erklären vermag, wieso die Bild- und
Blutspuren einen so unterschiedlichen Charakter aufweisen, bzw. wieso es sich
anscheinend um zwei verschiedenartige Abdruckvorgänge handelt, sehen hier viele
Vertreter der Fälschungshypothese eine Bestätigung ihrer Annahme. Denn hätte es
sich um einen natürlichen Vorgang gehandelt, müßte der Abdruck doch einheitlich
sein, vor allem der so ungewöhnliche Negativcharakter müßte doch auch die
Blutspuren einschließen. Dirnbeck formuliert diese Bedenken etwas ironisch so:
„Der allmächtige Gott könnte also auf wunderbare Weise bewirkt haben, daß sich
einerseits positiv sichtbare Blutspuren auf dem Tuch abzeichnen, was
normalerweise nur möglich gewesen wäre, wenn das Tuch direkten Kontakt mit dem Körper und dessen Blut gehabt hätte, daß
sich aber andererseits das Bild des Körpers in der Art einer fotografischen
Ablichtung unverzerrt auf dem Tuch abbildet, was normalerweise nur unter der
Voraussetzung möglich gewesen wäre, daß das Tuch keinen direkten Kontakt mit dem Körper gehabt hätte, sondern sich
flach ausgebreitet über oder vor dem Körper befunden hätte. [...] - da müßte
also das Blut wie ein Akrobat durch die Luft gehüpft sein, um auf das Tuch zu
kommen“[136].
Außerdem
wird ja von der neueren Grabtuchforschung - also von den Befürwortern der
Echtheit - die These vertreten, daß Jesus in einer Art Arcosol-Troggrab bestattet worden sei. Dies wird im Kapitel
„Grabtuch und Exegese“ noch einmal zur Sprache kommen, soll aber an dieser
Stelle schon besprochen werden, da dies ein wichtiger Bestandteil der
Argumentation, wie denn nun das Abbild entstanden sein könnte, darstellt.

Abb. 13: Arcosol-Troggrab.
Man
habe sich dieses Grab so vorzustellen: ein Felsengrab, bei dem „in die Felsbank
unter dem Felsgewölbe [...] ein etwa sargförmiger Trog [...]“[137]
eingehauen war. Diesen Grabtypus gab es in Palästina bereits seit der Eisenzeit
und es entspricht auch dem Grab, welches unter Konstantin aufgefunden wurde.
Nun konnte man bei einem Begräbnis das Leichentuch am Boden des Troges
ausbreiten, wo es relativ eben auflag. „Die obere Hälfte des Tuches, mit der
man das Grab dann abdeckte, wurde von den umlaufenden Felsrändern
gehalten.[...] Es senkt sich in der Mitte nur so weit, bis es auf dem Körper
aufliegt. So lag auch die obere Tuchhälfte nahezu eben, die Verzerrungen beim
Frontbild sind infolgedessen geringfügig“[138].
Dies sollte also eine relativ straffe Spannung des Tuches über dem Körper
ermöglichen, um so ein recht gleichmäßiges Abbild entstehen zu lassen. Nicht
alle Vertreter der Echtheit schließen sich jedoch dieser Deutungsweise an.
Gruber und Kersten zum Beispiel widersprechen entschieden der Ansicht, Jesus
sei in einem solchen Arcosol-Trogrrab bestattet worden, denn „Arcosol-Gräber
entstanden erst in der frühen byzantinischen Periode, also etwa 200 Jahre nach
Jesu Grablegung. Davor gab es eine kurze Periode spätrömischer Schaftgräber.
Aber der am weitesten verbreitete und typische Grabbau der Zeit Jesu war das kôkim-Grab,
und ganz offensichtlich war auch das Grab, in das sie Jesus legten, ein solcher
Grabbau“[139]. Und da –
wie an anderer Stelle noch erwähnt wird - das Begräbnis ja kein vollständiges,
bzw. kein wirkliches war, sei Jesus auch noch nicht in eine der Grabkammern (kôk)
gelegt worden, sondern auf einer Bank, auf der die Toten gewaschen, gesalbt und
umwickelt wurden, „gebettet“ worden. Folgende Abbildung verdeutlicht dieses
Szenario.

Abb. 14: Rekonstruktion eines Kôkim- Grabbaues.
Nur
möchte ich hier gerne wieder Dirnbecks Einwände gegen diese Annahme zitieren,
formuliert als Fragen seiner Kollegin, Franziska Moser: „ Und was ist mit
dem Rücken? Wenn das Tuch flach über dem Körper war, damit das Negativbild
entstehen konnte, wie ist dann eigentlich das Negativbild vom Rücken
entstanden? Da kann doch die Theorie mit dem Arcosol-Grab nicht stimmen. Denn
da muß der Leichnam sehr wohl in direktem Kontakt mit dem Tuch gewesen sein,
oder haben wir uns vorzustellen, daß der Körper zwischen dem oberen und unteren
Teil des Tuches geschwebt ist oder was?“[140]
Das ist recht treffend formuliert und man findet auch kaum einen Versuch der
Erklärung für dieses Phänomen in den Forschungsarbeiten der
Grabtuchbefürworter, vielmehr müssen sie sogar zugeben, daß sich z.B. das
Rückenbild nicht in die dritte Dimension (s. unten) umsetzen läßt. So auch der
heftige Verteidiger des TG Heinrich Pfeiffer: „Merkwürdigerweise kann das
Rückbild des Grabtuches nicht in die dritte Dimension umgesetzt werden. Dieser
Umstand wird damit erklärt, daß beim Zusammensinken des Grabtuches nur die
Vorderseite durch den ganzen Körper hindurchgegangen ist und die Strahlen
deshalb nur hier ein Bild dieser Art bewirken konnten, das wieder in die dritte
Dimension umgesetzt werden kann“[141].
Was es mit diesen auf den ersten Blick recht eigenartigen Strahlen auf sich
hat, wird im Abschnitt 5.7 dieses Kapitels genauer erläutert werden.
Außerdem
ist zu beobachten, daß das Rückenbild etwas schief liegt im Vergleich zum
Abbild auf der Vorderseite. Wie so oft in den Diskussionen um das Grabtuch,
kann dieses Faktum sowohl zugunsten der Echtheit, wie auch gegen sie
interpretiert werden. So liest man bei Bulst: „Die Tatsache, daß das Bild des
Gekreuzigten ursprünglich nicht in der Mitte des Tuches lag und außerdem das
Rückenbild schief liegt, spricht gegen eine beabsichtigte Herstellung des
Tuchbildes. Alle Kopien haben das „korrigiert“!“[142].
Dagegen meint Dirnbeck über den mittelalterlichen Fälscher: „Schlimm genug, daß
der untere Teil der Rückseite ein wenig verrutscht ist, wird er sich gedacht
haben, unser mittelalterlicher Fälscher, aber damit kann man leben. Die Leute
schauen im allgemeinen ohnehin nicht so genau, so daß es ihnen wahrscheinlich
gar nicht auffallen wird, daß der Körper beim Bild von der Rückseite nicht
exakt dieselbe Position hat wie bei dem auf der Vorderseite, und wenn, dann
werden sie denken, das war eben so, so ist er eben gelegen damals im Grab in
Jerusalem. Aber sie werden sicher nicht vermuten, daß das darauf hindeutet, daß
es sich um zwei verschiedene Arbeitsvorgänge gehandelt hat“[143].
Wie so oft bleibt es nun dem interessierten Leser selbst überlassen, sich
hierüber eine Meinung zu bilden; was schwierig genug ist, steht einem doch
selbst nicht das „Anschauungsmaterial“ zur Verfügung. Wobei zu sagen ist, daß
eine Vielzahl der Aussagen, die über das Grabtuch - aus beiden Lagern - gemacht
werden, auch bloß anhand von Fotografien desselben gemacht werden und daher
immer mit gewissen Vorbehalten zu begegnen sind.
Welcher
der nun folgenden Theorien man auch eher zugeneigt ist, eines ist klar, man
bewegt sich hier nach wie vor auf dem Felde der Spekulation und ein endgültiges
Ergebnis gibt es in dieser Frage - zumindest meinem Wissensstand nach - noch
nicht. Außerdem kann hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, es
können hier lediglich die wichtigsten Theorien vorgestellt werden, wenn sich
auch die meisten der mir im Laufe meiner Nachforschungen bekannt gewordenen
Ideen in irgendeiner Weise einer der hier vorgestellten Theorien zuordnen
lassen, sei es auch als Abwandlung oder Weiterentwicklung derselben.
Wie
gesagt, diese Theorie wird heutzutage nicht einmal von Verfechtern der Ansicht,
daß es sich beim TG um eine Fälschung handelt, vertreten. Vielerlei
wissenschaftliche Untersuchungen haben mittlerweile bestätigt, daß sich
„keinerlei Pigmente von Farben oder bindende Materialien auf dem Gewebe [...]“[144]
befinden. Außerdem schließt auch der bereits vielfach erwähnte Negativcharakter
des Tuchbildes eine solche Entstehungsweise aus. Denn erstens wäre es wohl
ziemlich schwierig gewesen, ohne Kenntnis von Negativ und Positiv ein solches
Bild zu produzieren und zweitens, wieso sollte jemand sich die Mühe machen, ein
Gemälde herzustellen, welches erst durch die Entdeckung der Fotografie im
vollen Umfang sichtbar wird? Drittens sind auf dem Bild keinerlei Konturen zu
erkennen, jedes Gemälde - zumindest bis zur impressionistischen Periode - weist aber solche auf. In den Worten Karl
Herbsts liest es sich folgendermaßen: „Ein solcher Künstler hätte extrem
intelligent und extrem dumm zugleich sein müssen. Intelligent, weil er - hätte
es ihn gegeben - völlig fehlerfrei in einer Hell-Dunkel-Umkehrmethode malte,
die er erstmalig und einmalig in der Kunstgeschichte perfekt anwandte. Ja, und
er mußte sich in Superintelligenz geradezu überschlagen, denn er malte nicht
Helles und Dunkles nach Menschenart, sondern Nahes und Fernes in
Millimeterpräzision. [...] Und maßlos dumm war dieser Superintelligente, wenn
er mit seinem außerordentlichen Können den Zweck seines Werkes vereitelte, denn
durch die komplizierte Schwarzweiß-Umkehr machte er sein schwaches, ohnehin
konturloses Bild fast unkenntlich“[145].
Erstmals
wurde die Ansicht, das TG sei ein Gemälde, in dem bereits mehrmals erwähnten
Memorandum von Pierre d ´Arcis aus dem Jahre 1389 geäußert, wobei dazu zu sagen
ist, daß er dieses Urteil fällte, ohne je das TG gesehen zu haben. Der genaue
Wortlaut kann im Anhang der Arbeit nachgelesen werden; außerdem wurde im
Kapitel 4.2.1 „Exkurs: Die erste historisch verbürgte Ausstellung des TG“ bereits genauer auf das TG im 14.
Jahrhundert und in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle von Pierre d´Arcis in
der Echtheitsdiskussion eingegangen.
Hierbei
handelt es sich um die älteste Theorie, die Entstehung des Tuchbildes zu
erklären. Entwickelt wurde sie von Paul Vignon, wie bereits im Kapitel 4.3 „Das
TG im Blickpunkt von Biologen und Ärzten“ erwähnt wurde. Dort findet sich auch
eine Abbildung, die ein Porträt als Ergebnis eines versuchten vaporographischen
Abdruckes zeigt. Wie hat man sich diese Entstehungsweise nun vorzustellen? „Vom
gesalbten Leichnam aufsteigende, peroxidhaltige oder vom Schweiß stammende
ammoniakhaltige Dämpfe hätten das mit Myrrhe- und Aloeflüssigkeit getränkte,
aber straff aufgelegte Tuch stellenweise oxidieren lassen, also gedunkelt“[146]. Es handelt sich also hier nicht um einen
Kontaktabdruck, also einer Berührung des Körpers mit dem Tuch (s. unten),
sondern um eine „Verfärbung“ des Tuches - also eher etwas, das einer Projektion
gleichkommt - aufgrund aufsteigender Dämpfe (vapor = lat. Dunst). „Diese
Verfärbung sei letztlich durch die Reaktion der vom Tuch aufgesogenen Lösung
von Aloe und Myrrhe entstanden, durch die Bildung von Ammoniumkarbonat, dessen
Dämpfe in der feuchten Atmosphäre zwischen Haut und Leintuch die Fasern direkt
proportional zum Kontakt mit dem Körper dunkel verfärbt hätten. Deshalb ist die
Färbung dort am stärksten, wo das Tuch den Körper berührt, und wird schwächer,
je weiter Tuch und Körper auseinanderliegen“[147].
Dies würde auch den Negativcharakter des Abbildes erklären, außerdem liegt auch
hier der Ursprung für die „Entdeckung der 3.Dimension“ im
Tuchbild.
Hierauf
möchte ich an dieser Stelle kurz eingehen. Obwohl diese Theorie bereits 1902
vom Anatomen Yves Delage in den Raum gestellt wurde, war man zu jener Zeit nur
auf Vermutungen angewiesen, da das technische know-how noch nicht soweit
entwickelt war, um eine tiefergehende Analyse vorzunehmen. Diese Annahme „wurde
auf unerwartete Weise durch ein ganz modernes, für die Weltraumforschung
entwickeltes technisches Verfahren exakt bewiesen: durch den Bildanalysator VP
8. J.P. Jackson, Professor für theoretische Physik (Los Alamos/USA), gab eine
sehr genaue Fotografie des TG in dieses Gerät, mit dem sonst die von den
Weltraumsonden zurückkommenden elektromagnetischen Wellen zu Weltraumbildern
entschlüsselt werden“[148].
Was auf dem Bildschirm zum Vorschein kam, verblüffte nicht nur die
Wissenschaftler, sondern auch die am TG interessierte Öffentlichkeit. Es zeigte
sich nämlich ein recht plastisches -
quasi dreidimensionales - Bild des auf dem Grabtuch „abgebildeten“ Menschen.
„Das erklärt sich so: Der Bildanalysator nimmt keine Farben wahr, sondern zählt
Lichtquanten, d.h. die kleinsten Lichteinheiten. Auf dem TG sind, wie schon
gesagt, im Bereich des Körperbildes durchweg nur einzelne Faserspitzen
verfärbt, und zwar immer in gleicher Intensität. Das Analysegerät zählt diese
verfärbten Fasern und wirft sie in Zahlenlisten aus. In Tausenden von
Arbeitsstunden haben Studenten diese nüchternen Zahlen in dünnen Schichten
ausgewertet. Bei der Zusammenlegung dieser Schichten ergab sich das plastische
Modell eines Mannes, der dem Bild auf dem TG entsprach“[149].
Dies wäre auch ein Beweis dafür, so Bulst, daß dem Bild auf dem TG ein
wirklicher Körper zugrunde lag, denn von einem Gemälde oder einer Fotografie
ließe sich nicht auf diese dritte Dimension schließen. Dieses Argument wurde
denn nun auch immer wieder ins Treffen geführt, wenn es galt, die Echtheit des
TG zu beweisen. Ein Künstler, so die Grabtuchapologeten, hätte nie und nimmer -
schon gar nicht im Mittelalter, lange vor der Zeit der Fotografie - ein solch
perfektes „3-D-Bild“ schaffen können. Obwohl man meines Erachtens sagen muß,
daß ja grundsätzlich auch nach der Entdeckung der dritten Dimension nichts
dagegen spricht, daß das TG trotzdem aus dem Mittelalter stammt. Natürlich muß
man sich von der Idee, es könne sich um ein Kunstwerk im traditionellen Sinne
handeln, distanzieren, aber auch, wenn es sich als „echt“ in dem Sinne, daß es
wirklich den Abdruck eines toten Mannes zeigt, erweisen sollte, könnte es ja
trotzdem „falsch“ sein, in dem Sinne, daß es nicht Jesus ist, der darauf zu
sehen ist. Mit anderen Worten, wir stehen hier vor dem, was in der
Grabtuchdiskussion generell als das „Doppelproblem der Echtheit“ bezeichnet
wird. Dies gehört nun zwar nicht direkt zum Thema der Entstehung des Abbildes,
es erscheint mir aber eine gute Gelegenheit auf diesen Denkansatz hinzuweisen.
Es stellt sich also die Frage, ist das TG ein Kunstwerk oder handelt es sich
wirklich um das Leichentuch eines Gekreuzigten? Wenn letzteres zutrifft, dann
ist zu fragen, wer denn nun der auf dem TG abgebildete ist. Ist es wirklich
Jesus, dann handelt es sich quasi um den vor Augen geführten Passionsbericht,
der bis in alle Einzelheiten mit den Berichten der Evangelien übereinstimmt.
Ist es nicht Jesus, so mußte es doch ein „echter“ Gekreuzigter gewesen sein,
der hier für den Zweck der Herstellung der wichtigsten Reliquie der
Christenheit sämtliche Torturen der Passion durchleiden mußte. Und an diesem
Punkt muß ich auch Josef Dirnbeck recht geben, wenn er sagt: „Auch für den
Fall, daß es ich um eine Fälschung handelt - und das sollten wir nicht aus den
Augen verlieren! -, wurde das Ganze unternommen, um [...] Menschen einen
möglichst authentischen Eindruck vom Kreuzestod Jesu zu vermitteln und damit letztlich
für Jesus Zeugnis zu geben“[150].
Er wehrt sich mit dieser Aussage auch gegen die Richtung, die die Diskussion um
die Echtheit häufig nimmt, nämlich aus dieser Frage eine Glaubensfrage zu
machen. Das heißt, einfach ausgedrückt: nur wer an die Echtheit des TG glaubt,
kann ein guter Christ sein, sei doch das Grabtuch quasi ein direkter Zeuge der
Auferstehung Jesu. Dies führe jedoch in eine falsche Richtung, nämlich
dahingehend, das Tuch selbst anzubeten, statt das Tuch bloß als
Meditationsgegenstand zu sehen, der einen näher zu Jesus bringen könne. Auf
diese Frage wird noch einmal im Kapitel 7„Die Bedeutung des TG für Wissenschaft
und Kirche“ eingegangen werden.
Es ging
aber noch eine weitere Entdeckung mit jener der dritten Dimension einher. Und
zwar zeigten sich auf dem dreidimensionalen Relief knopfartige Gegenstände auf
den Augen des Mannes, die von den Münzexperten Prof. Filas (Chicago) und Prof.
Whanger (Durham) als Prokuratorenmünzen identifiziert
wurden.

Abb. 15: Prokuratorenmünze. Rechts die rekonstruierte
Inschrift UCAI und der Hirtenstab.
Der
Abdruck am rechten Auge läßt eine Inschrift UCAI erkennen und in der Mitte eine
Art Hirtenstab. „Für den Numismatiker war die Deutung klar: Umfang und Form,
Winkelstellung der Buchstaben und des Stabes erwiesen sich als deckungsgleich
mit einer römischen Kupfermünze, die in dieser Art nur von Pilatus geprägt
wurde. Ergänzt müßte die Umschrift lauten „Tiberiou Kaisaros“. Das „C“,
das im Lateinischen wie „k“ gesprochen wird, ist ein Prägefehler, der auch bei
andern Münzen dieser Art nachgewiesen ist“[151].
In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu sagen, daß archäologische Funde
in Israel den Brauch, Toten Münzen auf die Augen zu legen, bestätigt haben.
Außerdem läßt sich anhand dieser Münzen auch die Datierbarkeit des TG -
angenommen es sei echt -, ziemlich genau eingrenzen. „Pilatus wurde im Jahr 26
n.Chr. Prokurator von Judäa. Nach dem Jahr 31 hatte er nicht mehr das Recht zur
Münzprägung. Eine genauere Datierung ist kaum noch möglich“[152].
Es ist klar, daß dies die Befürworter der Echtheit als einen starken Beweis
zugunsten des TG als Leichentuch Jesu sehen. Trotzdem muß ich gestehen,
benötigt man einiges an Phantasie, um auf den ziemlich undeutlichen Fotos
überhaupt etwas erkennen zu können. Aber zumindest könnte die Tatsache, daß
sich Münzen auf den Augen befunden haben, erklären, warum die Augen des Mannes
auf dem Grabtuch immer so seltsam „eulenhaft“ auf den Betrachter wirken.
Doch zurück zum eigentlichen Thema dieses
Abschnitts, der chemischen Vaporographie: letztendlich zeige diese
Entstehungsweise zwar in Experimenten nur wenig anatomische Verzerrungen,
„jedoch unbefriedigende, meist diffus wirkende Abbilder, da die Dämpfe nicht
exakt gerade aufstiegen, sondern sich eher flächig verteilten“[153].
Deshalb gilt diese Entstehungstheorie eigentlich heute als überholt; trotzdem
fehlt sie in kaum einem Buch über das TG und auch in neuerer Zeit unternehmen
einige Autoren noch Selbstversuche nach dem Vorbild Vignons[154].
Gemeinsam
mit der Theorie der chemischen Vaporographie war diese Annahme eine der ersten,
die von den Grabtuchforschern entwickelt wurde. Der wesentliche Unterschied zu
voriger besteht darin, daß hier die Entstehung des Abdruckes auf eine direkte
Berührung des Tuches mit dem Körper zurückgeführt wurde. Wie bereits erwähnt,
führte Vignon auch Versuche in diese Richtung durch. Wilcox beschreibt diese
folgendermaßen: „Er klebte sich einen Bart von der ungefähren Größe und Form
des Originals auf dem Turiner Tuch ins Gesicht, legte sich auf einen Tisch und
befahl zwei Helfern, sein Gesicht mit rötlichem Kalkpulver zu bestreuen. Dann
legten die Assistenten ein Leinentuch über Vignons Kopf, drückten es fest gegen
das Gesicht und versuchten durch leichtes Reiben die Konturen auf das Leinen zu
übertragen. Sie hatten tatsächlich Erfolg: nach dem Abschluß des Experiments
befand sich wirklich ein Negativbild Vignons aus rötlichem Kalkstaub auf dem
Gesichtstuch. Aber die Wiedergabe war unvollkommen: [...] Das ganze wirkte eher
wie ein Zerrbild und kam in keiner Weise an die Genauigkeit des Abbildes auf
dem Turiner Grabtuch heran“[155].
Eine diesem Experiment vergleichbare Abbildung findet sich in Kap. „Das
Grabtuch im Blickpunkt von Biologen und Ärzten“ (Abb.7). Die Verzerrungen waren
darauf zurückzuführen, daß ja das menschliche Gesicht keine plane Oberfläche
darstellt, sondern quasi die Form eines
„unregelmäßigen Zylinders“ hat. Somit muß der Abdruck, wenn das Tuch
wirklich alle Partien gleichmäßig bedeckte, zwangsläufig Verzerrungen
aufweisen. Hätte das Tuch wiederum quasi wie eine Platte über dem Körper
gelegen, müßten ja auf dem Abbild verhältnismäßig viele Lücken vorhanden sein,
da das Tuch nur die erhabenen Partien berührt haben konnte. Zwar weist das
Tuchbild einige Unvollständigkeiten auf (so fehlen z.B. der Hals und auch die
Schultern), aber im Großen und Ganzen ist es doch vollständig genug, um diese
Theorie so ziemlich auszuschließen.
In den
Bereich des Kontaktabdruckes fallen auch die Experimente mit verschiedenartigen
(Bronze-)Statuen, welche erhitzt wurden und teilweise mit aloehaltigen
Mischungen bestrichen wurden, um so einen Abdruck auf dem Tuch zu erhalten.
Diese Versuche wurden sowohl von den Verfechtern der Echtheit durchgeführt -
quasi um die Bedingungen Jesu im Grabe Jerusalems nachzustellen -, als auch von
den Anhängern der Fälschungshypothese, die damit zu beweisen versuchten, daß
ein mittelalterlicher Fälscher den Abdruck auf dem Tuch eben anhand einer erhitzten
Statue, über die ein Leinentuch gebreitet wurde, erzielt haben könnte. Auch
diese Versuche blieben jedoch für beide Seiten unbefriedigend. „Da sich der
Grad der optischen Dichte der gedunkelten Fäden des Abbildes aus der Summe der
an der inneren Tuchoberfläche befindlichen Fäden ergibt, nicht aus
verschiedenen „Einbrenntiefen“, scheidet diese Annahme aus“[156].
Es gilt daher als ziemlich sicher, daß der Abdruck, auch wenn er „gefälscht“
ist, nicht von einer Statue stammt, sondern von einem echten Menschen.
Hierbei
geht man von der Annahme aus, daß ein natürlicher chemischer Prozeß das Abbild
auf dem TG erst im Laufe der Zeit sichtbar machte, quasi „entwickelt“ hat. Die
Grundlagen für diese Theorie sind jedoch ähnlich zu den vorangegangenen,
besonders der chemischen Vaporographie. „Hautsekrete und/oder Öle (eventuell
auch Aloe und Myrrhe) hätten durch Direktkontakt mit der Gewebezellulose
und/oder mit den Auftragemitteln chemische Verbindungen ergeben, welche im Laufe
der Zeit eine Dunkelfärbung hätten verursachen können. [...] Schweiß oder
Kochsalz ergibt hierbei, auf ölhaltiges Tuch vor dem Erhitzen aufgetragen,
Bräunungsstellen, welche in der Farbe jenen des Abbildes auf dem Grabtuch
weitgehend entsprechen“[157].
Der entscheidende Faktor, nämlich Zeit, wurde in den Experimenten des 20.
Jahrhunderts durch Erwärmung des Stoffes zu „kopieren“ versucht. Bulst schließt daraus, daß die Gelbfärbung
des Leinens im wesentlichen auf „Dehydrierung und Oxidation beruht. In Dehydrierung
und Oxidation besteht im wesentlichen die Alterung von Leinen. Sie beansprucht
Zeit. Es ist darum damit zu rechnen, daß auch der Zeitfaktor bei der
Bildentstehung eine Rolle spielte“[158].
Obwohl diese Experimente durchaus brauchbare Resultate erzielten, „wäre eine
Übertragung zum Beispiel lückenfreier und unverzerrter Gesichtseinzelheiten und
anderer Details nach dieser Methode unmöglich gewesen. Auch die im Abbild
gespeicherte dreidimensionale Information ließe sich allein mit dieser
Hypothese kaum erklären“[159].
Trotzdem erscheint diese Hypothese zumindest für eine teilweise Erklärung der
Entstehung der Bildspuren relativ plausibel.
In eine
ähnliche Richtung geht die Annahme, beim Abbild auf dem TG handle es sich um
eine Art „Schattenabdruck“. Also daß „der Vorgang auf dem Grabtuch mit der
Entstehung von Bildern gepreßter Pflanzen verwandt sei“[160].
Wie hat man sich dies nun vorzustellen? Wilson erklärt es folgendermaßen: „Seit
Jahrhunderten ist es üblich, gesammelte Pflanzen zwischen Bogen von Löschpapier
zu pressen. Nach einem langen Zeitraum pflegen sich manchmal auf dem Papier
sowohl über wie unter der Pflanze auffallend genaue Bilder in einer
„Sepiafarbe“ zu „entwickeln“, die nahe an die des Grabtuches herankommt“[161].
Jedoch weist Wilson auch auf die Schwachstellen dieser Theorie hin, nämlich,
daß diese „Pflanzenbilder“ durchschnittlich etwa siebzig Jahre brauchen, um
sich voll zu „entwickeln“, der Körper im Grabtuch - in der Annahme es sei echt
- ja nur höchstens 36 Stunden darin verbracht haben konnte. Außerdem gebe es zu
diesem Thema (noch) keine umfangreichen und daher aussagekräftigen Studien.
Diese
Annahme erscheint bei einem ersten Blick auf das TG recht plausibel, wirken
doch die Bildspuren wie in das Tuch „eingebrannt“. Ein in den 1960-er Jahren
durchgeführter Versuch mit einem erhitzten Medaillon, welches dann auf ein
Leinenstück gedrückt wurde, brachte ein dem Charakter des Abbildes auf dem TG
recht ähnliches Ergebnis. „Wo das Taschentuch direkt auf den Metallteilen zu
liegen gekommen war, waren die Verfärbungen am dunkelsten, wo der direkte
Kontakt aber fehlte, war die Verfärbung ganz zart oder das Tuch behielt
überhaupt seine ursprüngliche Farbe“[162].
Dennoch ist natürlich dabei zu bedenken, daß sich ein menschlicher Körper
anders verhält als ein Metallstück, insofern stellt sich die Frage, wie
realistische diese Einschätzung ist. Sie wird denn auch nicht von allen
Grabtuchforschern für plausibel gehalten, außer man geht davon aus, daß der
Körper des Toten selbst „etwas“ ausstrahlte, das die Spuren auf dem Tuch
„einbrannte“. Hier kommen wir nun -
meiner Ansicht nach - vollends in den Bereich esoterischer Spekulation, aber da
sich nicht wenige Grabtuchbefürworter in solche „Gefilde“ begeben, soll auch
diese Theorie hier präsentiert werden.
Zuerst
möchte ich hier wieder Werner Bulst zitieren, der zwar ein heftiger Verteidiger
der Echtheit des TG ist, sich jedoch klar von dieser Art von Interpretation
distanziert, da es sich hier um eine klare Verletzung der Regel der objektiven
Nachprüfbarkeit handelt: „Christen, die an die Auferstehung Jesu glauben,
könnten darin oder in einem damit verbundenen Wunder die Ursache für das Tuchbild
sehen. Es ist aber doch die Frage, ob ein solches über-natürliches,
„transphysikalisches“ Geschehen die physikalisch-chemischen Veränderungen auf
dem Tuch bewirkt haben sollte. Dafür sollte man doch eher an eine Kausalität
auf dieser Seinsebene, also an eine physikalisch-chemische Kausalität denken“[163].
Deshalb lehnt er eine solche Argumentation ab. Sein Autorenkollege hingegen
vertritt eine völlig konträre Ansicht in dieser Sache (Ein Teil seines
Erklärungskonzepts wurde bereits in der Einleitung zu diesem Kapitel
vorgestellt). Seiner Ansicht nach steht außer Frage, „daß die gemäß rational
naturwissenschaftlichem Denken unwahrscheinlichste Hypothese, daß nämlich nur
während der leiblichen Auferstehung das Bild auf dem Grabtuch entstanden sein
kann, die einzig „vernünftige“ ist. So nähern wir uns auch
naturwissenschaftlich dem theologischen Symbolbegriff, denn das Blut und die
Bildspuren sind zeitlich voneinander getrennt auf das Grablinnen Jesu gekommen.
Wer beide miteinander zusammensehen will, kann sie nur mit der durch die
Evangelien bezeugten Auferstehung Jesu verbinden“[164].
Wie hat
man sich diesen Vorgang nun vorzustellen? Es wurde ja bereits angedeutet, daß
es sich um eine Art „Strahlung“ handelt, die der Körper Jesu während der
Auferstehung ausgesandt haben soll und durch die sein Abbild auf das Tuch
gebracht wurde. Außerdem muß noch betont werden, daß es sich hier um
Thermostrahlung vom Typus elektromagnetischer Wellen handeln soll. „Es ist
damit nicht gemeint eine Wärmeübertragung im Bereich kinetischer Energie,
welche z.B. eine erhitzte Menschenplastik auf dem Tuch mit verschiedener
Tiefenwirkung „abgebildet“ hätte“[165].
Ian Wilson meint in der Theorie vom „thermonuklearen Strahlenblitz“ einen
Erklärungsansatz gefunden zu haben. Er sieht hierbei eine Ähnlichkeit zu den
sogenannten „permanenten Schatten“, die man z.B. als Folge des Strahlenblitzes
der Atombombe von Hiroshima beobachten konnte.

Abb. 16: Permanenter Schatten infolge des Strahlenblitzes von Hiroshima.
Er zitiert hier John Hersey, den Autor des
Buches „Hiroshima“ mit folgender Beschreibung des Phänomens: „Die Wissenschaftler beobachteten, daß der
Strahlenblitz der Bombe Beton in eine leicht rötliche Tönung verfärbte; die
Oberfläche von Granit wurde abgeschält und gewisse andere Baumaterialien
versengt, ferner hatte die Bombe an einigen Stellen Abdrucke von Schatten
hinterlassen, die durch ihr Licht geworfen waren“[166].
Ein
ähnlicher Vorgang solle auch die Bildentstehung am Grabtuch bewirkt haben.
Wilson gibt aber zu, daß „die Entsprechung dieser Strahlenbilder mit dem
Phänomen auf dem Grabtuch [...] natürlich keineswegs vollkommen“[167]
ist, da das Grabtuch ja eher von innen als von außen versengt wurde, trotzdem
beharrt er darauf, daß es sich um eine Art „Kraft“, die vom Körper des Toten
selbst ausging, handeln mußte, durch die das Bild ins Tuch „eingebrannt“ wurde.
Jedoch mußte diese Strahlung von einer weit geringeren Intensität gewesen sei,
als der Strahlenblitz einer Atombombe, sonst wäre wohl vom Grabtuch so gut wie
nichts erhalten geblieben. Es konnte sich also bloß um eine Zeitspanne von ca.
einer tausendstel Sekunde handeln.
Auch
Karl Herbst, der ja die Meinung vertritt, Jesus habe seine Kreuzigung überlebt,
sieht einen ähnlichen Vorgang für die Bildentstehung - auch wenn dies für ihn
logischerweise kein Beweis für die Auferstehung ist. Er schreibt: „Keine Art
von Ausdünstung [...] konnte diese Färbung verursachen. Dunst und Dampf würden
ringsum auf den oberen Faden einwirken, auch auf den darunterliegenden. So
bleibt als Ursache nur eine Energie, die dem Licht ähnelt. Dessen Strahlen
können keine krummen Wege gehen wie der Qualm“[168].
Auch er weiß nicht genau, was eigentlich diese Strahlen sind, gibt dies aber
auch offen zu und bittet sogar seine Leser um tatkräftige Mithilfe beim Lösen
dieses Rätsels. Worin er sich aber sicher ist, ist die Tatsache, daß es sich um
eine „psychophysische Kraftwirkung eines Lebenden
bei emotionaler Hochspannung“[169]
handeln muß. Also es handle sich um kein übernatürliches Wunder, sondern um ein
quasi „natürliches“ Phänomen, das uns zwar in dieser Intensität noch nicht
begegnet sei, dennoch aber ohne das Eingreifen eines übernatürlichen Gottes
möglich gewesen sei. Er bezeichnet das Körperbild in weiterer Folge als
auraähnlich und bringt dabei auch die Elektronographie - also die fotografische
Darstellung der Aura von Lebewesen - ins Spiel. Auch Robert K. Wilcox geht in
seinem Buch näher auf diese Thematik der „Kirlianischen Fotografie“ ein[170]. Letztendlich bleibt aber auch dies
Spekulation.
Wilson
beschreibt den Vorgang am Ostermorgen - rein hypothetisch, wie er betont - so:
„In der Dunkelheit des Grabes in Jerusalem lag der tote Leib Jesu, ungewaschen,
mit Blut bedeckt, auf einer Steinplatte. Plötzlich bricht eine geheimnisvolle
Kraft aus ihm hervor. In diesem Moment entmaterialisiert sich das Blut,
vielleicht durch den Strahlenblitz aufgelöst, während sein Bild und das des
Leibes sich unauslöschlich in das Grabtuch einbrennen, der Nachwelt
buchstäblich eine „Momentaufnahme“ von der Auferstehung hinterlassend“[171].
Nicht weniger pathetisch - und ebenso
spektakulär wie naiv - formuliert Wolfgang Waldstein seine Überzeugung auf dem
Einband seines neuesten Buches: „Christus hat seiner Kirche sein Bildnis
hinterlassen. Weil es damals noch keine Fotoreporter gab, wirkte er ein Wunder:
Im Augenblick seiner Auferstehung am Ostermorgen ereignete sich eine
„Explosion“ von Licht, ein „Energie-Blitz“. Anders wäre, wie die moderne
Atomwissenschaft festgestellt hat, eine Konservierung seines Abbildes im
Leichentuch über zwei Jahrtausende nicht möglich gewesen“[172].
Ebenfalls von der Strahlentheorie überzeugt ist Oskar Scheuermann, der die sich
vollziehende Auferstehung nicht minder blumig beschreibt: „Plötzlich „erstrahlt“ der Tote in seinem Tuch, blitzartig, die
Grabkammer mit bläulichem Licht erfüllend: Materie scheint sich abrupt in
Strahlungsenergie zu wandeln! [...]
Sekundenteile nur währt diese Strahlenfülle und toter Stoff wird Leben.
- Zurück bleibt leeres Tuch mit dem
kostbaren Bild des Herrn.-“[173].
Gegen
die Strahlentheorie sprechen sich neben Werner Bulst auch die Autoren Gruber
und Kersten aus. Sie führen ins Treffen, daß sich bei Tests mit UV-Strahlung
die Abbildspuren auf dem TG anders verhalten als die Brandspuren. Wäre das
Abbild aber durch Wärmeeinwirkung entstanden, müßten sie grundsätzlich ähnlich
wie die Brandspuren „reagieren“. Scheuermann erwähnt zwar auch diese Tests
(„Bei der Untersuchung von 1978 erbrachten die Brandspuren UV-Licht-Floureszenz,
nicht aber die Abbildspuren“[174]),
relativiert aber sogleich deren Ergebnisse, da diese unterschiedlichen
Erscheinungen allein noch nicht ausreichen, um zu beweisen, „daß es sich bei
dem Abbild nicht auch um eine Versengung im Sinne dieses Wortes handeln könnte,
zumal andere Vergleichstests bei den Brand- und Abbildspuren gleich ausfielen“[175]. Letztlich können aber weder die Befürworter
noch die Gegner dieser „Strahlentheorie“ überzeugende Beweise vorlegen, das ist
verständlicherweise auch schwierig, bei einem so metaphysischen Vorgang wie der
Auferstehung Jesu. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch noch anmerken, daß
mir an dieser ganzen Diskussion - und besonders an diesem letzten Punkt - die
Art und Weise, wie ziemlich krampfhaft mit allen möglichen
naturwissenschaftlichen Verfahren versucht wird, etwas religiöses - die Auferstehung Jesu - zu „beweisen“,
etwas gegen den Strich geht. Denn einerseits bemüht man sämtliche nur
verfügbaren Disziplinen, um möglichst viele Details über das TG wissenschaftlich
belegen zu können, nur um dann andererseits doch zugeben zu müssen, daß es sich
eventuell um ein „Wunder“ handelt, da vieles sich nicht restlos aufklären läßt.
Die Autoren Picknett und Prince sprechen mir hier aus der Seele, wenn sie
sagen: „Wir widersetzen uns der Vorstellung von Wundern nicht prinzipiell; man
kann jedoch nicht einerseits mit Wundern argumentieren und sich andererseits
auf jeden wissenschaftlichen oder angeblich wissenschaftlichen Beweis stürzen,
um die eigene Position zu untermauern“[176].
Und
wenn dann auch noch eine Glaubensfrage daraus gemacht wird, wie z.B. bei
Heinrich Pfeiffer (im Zusammenhang mit der Auferstehung schreibt er: „Noch
einmal sei wiederholt, daß diese Verbindung nur von demjenigen vollzogen wird,
der an die Auferstehung Jesu glaubt, also in vollem Sinne ein Christ ist“[177]),
dann ist es mit der gerade von den Grabtuchapologeten so vehement
eingeforderten wissenschaftlichen Objektivität und Seriosität nicht mehr weit
her.
Außerdem
verhält es sich hier nicht viel anders als in den übrigen Teilbereichen der
Grabtuchforschung, kaum scheint es einen Anhaltspunkt zu geben, der uns der
„Wahrheit“ über das TG näher bringen soll, folgt sofort ein Gegenangriff mit
Argumenten aus dem „feindlichen“ Lager, dessen einziger Zweck es zu sein
scheint, die zuvor geäußerte Vermutung zu entkräften. Wobei es hier auch - wie
gezeigt wurde - unter den Anhängern der Echtheit verschiedene
aufeinanderprallende Meinungen gibt, das macht es wieder leichter für die
Gegner der Echtheit, quasi die Grabtuchbefürworter gegeneinander „auszuspielen“
und die Ergebnisse ihrer Forschung im ganzen anzuzweifeln. Doch gibt es neben
viel unglaubwürdigen Spekulationen und Wunderglauben eben auch seriöse
Forschungsarbeit, die sich wirklich zum Ziel gesetzt hat, möglichst viele
Fakten zusammenzutragen und dann ihre Schlüsse zu ziehen. Und falls nötig wird
auch zugegeben, daß man trotz intensiver Nachforschungen für gewisse Dinge -
wie eben die Entstehung des Abbildes - nach wie vor keine endgültigen Antworten
anbieten kann.
Die
Überschrift zu diesem Kapitel mag vielleicht für manche verwunderlich
erscheinen, besonders für jene, die davon überzeugt sind, daß das TG eine
mittelalterliche Fälschung ist. Denn wie soll man denn die Geschichte einer
Reliquie vor ihrer angeblichen
Entstehungszeit rekonstruieren? Man kann, vorausgesetzt natürlich, man
nimmt an, daß das TG bereits vor dem 14. Jahrhundert existiert hat und folglich
auch keine Fälschung ist. Eine solche Rekonstruktion stellt klarerweise eine
große Herausforderung für jeden Historiker dar, sind doch die Indizien eher
dünn gesät, bzw. offenbaren sich manche Dinge erst nach längerem Studium als
mögliche Beweise für eine Existenz des TG vor dem Mittelalter. Auch muß gesagt
werden, daß man sich hier trotz aller mehr oder weniger überzeugender
Ergebnisse nach wie vor auf dem Feld der Spekulation bewegt. Nichtsdestoweniger
erscheint mir dieses Thema von großer Wichtigkeit für das Verständnis der Echtheitsdiskussion
vor allem in neuerer Zeit, finden sich hier doch viele Argumente der
Befürworter der Echtheit versammelt, außerdem zeigt sich hier sehr deutlich,
mit welcher Akribie und welcher Leidenschaft so mancher Grabtuch-Befürworter
versucht, den letztendlich überzeugenden Beweis für die Echtheit zu erbringen.
Obwohl dieser, meines Wissens, noch nicht gefunden wurde, sollen nun im
folgenden jene Forscher zu Wort kommen, die einen Großteil ihrer Arbeit der
Beantwortung dieser Fragen gewidmet haben.

Abb. 17: Skizze der
(vermuteten) Stationen des TG.
Im
wesentlichen handelt es sich also in diesem Kapitel um eine Rekapitualtion der
Theorien von Ian Wilson und Werner Bulst, die sich in ihren Werken dieser
Thematik am umfangreichsten angenommen haben, wobei gesagt werden muß, daß
Wilson ausschließlich seine eigene Theorie präsentiert, während Bulst versucht,
dem Leser verschiedene mehr oder weniger plausible Hypothesen vorzustellen,
dabei aber trotzdem seine eigenen Überlegungen zu diesen Theorien einbringt.
Vorausschickend
muß gesagt werden, daß sich Wilson selbst durchaus der Tatsache bewußt ist, daß
es für seine Version der Geschichte des TG eigentlich keinen handfesten Beweis
gibt; er arbeitet mit Hypothesen, die er durch Indizien zu untermauern
versucht. Ob ihm dies auch (überzeugend) gelungen ist, möge der Leser selbst
beurteilen, bzw. werde ich am Ende dieses Kapitels dazu selbst Stellung nehmen.
In
einem Satz könnte Wilsons These folgendermaßen zusammengefaßt werden: das was
für uns heute (und seit der Mitte des 14. Jahrhunderts) das Turiner Grabtuch
ist, ist identisch mit dem sogenannten „Mandylion“, auch „Bild von Edessa“
genannt, welches 1204 in Konstantinopel verlorenging. Mit der Identifizierung
beider Tücher als ein und demselben Gegenstand, versucht er die so
offensichtlichen Lücken in der Geschichte des TG zu schließen. An
weitschweifenden und detailreichen Erklärungen dafür mangelt es ihm nicht,
jedoch alle diese hier wiedergeben zu wollen, würde den Rahmen dieser
Diplomarbeit sprengen. Es soll lediglich versucht werden, in großen Zügen seine
Rekonstruktionstheorien hier vorzustellen.
Zuerst
muß wohl der oben erwähnte Gegenstand namens „Mandylion“ näher erklärt werden:
beim Mandylion handelt es sich um ein im 6.Jahrhundert in der Stadt Edessa (dem
heutigen in der Osttürkei gelegenen Urfa) aufgefundenes Tuch mit dem „Abbild“
Jesu darauf. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, daß auf dem Tuch
nur das Gesicht Jesu, nicht aber sein
ganzer Körper zu sehen ist.
Dokumentiert
ist die Existenz dieses „Tuches von Edessa“ für den Zeitraum vom 6.Jahrhundert
bis 1204; in diesem Jahr verschwand es aus Konstantinopel. Wie man sieht
ergeben sich hier noch erhebliche Lücken im Gesamtbild (wo war das Tuch vor dem
6.Jh und vor allem, wo war es zwischen 1204 und 1357 ?), die Wilson durch Hypothesen zu schließen
versucht. Er selbst stellt an den Anfang seiner Ausführungen einige zentrale
und recht aufschlußreiche Überlegungen zu seiner Theorie, die ich hier zitieren
will: „Wenn man das Mandylion und das Grabtuch vergleicht - beide kommen
offensichtlich darin überein, daß sie ein geheimnisvoll eingedrücktes Abbild
Jesu auf Tuch tragen -, entdeckt man einige Merkmale von möglicherweise
größerer Bedeutung. Eines davon ist, daß die bekannten Aufenthaltsorte des
Mandylion [...] nicht von dem abweichen, was bis jetzt von der geografischen
Herkunft der türkischen Pollen auf dem Grabtuch bekannt ist, die von Dr.Frei
ermittelt wurden. Ein anderes Merkmal ist, daß der Zeitpunkt der
Wiederentdeckung des Mandylion im sechsten Jahrhundert mit dem Aufkommen eines
neuen Typus des Bildnisses Jesu in der Kunst zusammenfällt. Noch ein weiteres
ist die Ähnlichkeit des in einem Sepia-Ton gehaltenen Antlitzes auf den von
Künstlern gemalten Kopien des Mandylion mit einem Antlitz, das sich von dem
herleiten läßt, das auf dem Grabtuch von Turin zu sehen ist. Letzteres wird
bekräftigt durch die reichhaltige und übereinstimmende literarische
Überlieferung, daß das Bild des Mandylion, genau wie das auf dem Grabtuch, acheiropoietos sei - ein griechisches Wort, das „nicht von Hand
gemacht“ bedeutet. [...] Als Letztes, aber keineswegs Geringstes kommt hinzu,
daß die Periode der bekannten Geschichte des Mandylion mit einer
verhältnismäßig kleinen Lücke fast den ganzen fehlenden Zeitraum der Geschichte
des Turiner Grabtuches ausfüllen würde“[178].
Wilsons vordringliche Aufgabe besteht nun darin, diese meiner Ansicht nach
nicht gar so „kleine Lücke“ in der Geschichte zu schließen; und zwar zuerst die
fast unüberwindbar erscheinenden 600 Jahre von Christi Begräbnis bis zu der
Auffindung des Mandylion in Edessa. Zu diesem Zweck bemüht Wilson die Legende
von König Abgar V. von Edessa, der im 1. Jahrhundert zum Christentum bekehrt
wurde. „Um 325 berichtete Bischof Eusebius von Caesarea in seiner Historia ecclesiastica, daß Abgar V. von
Edessa, der von 13-50 n.Chr. regierte, an einer unheilbaren Krankheit litt, und
da er von den Wundern Jesu hörte, sandte er einen Boten nach Jerusalem und lud
Jesus ein, nach Edessa zu kommen und ihn zu heilen. Jesus schlug es ab,
versprach aber, einen Jünger zu senden, um Abgar zu heilen. Eusebius, ein sehr
zuverlässiger und gelehrter Autor, zitierte die angebliche Korrespondenz
zwischen Jesus und Abgar [...]“[179].
Weitere altsyrische Versionen der Abgargeschichte wurden im 19. Jahrhundert in
einem ägyptischen Kloster entdeckt, und sie geben im wesentlichen dieselbe
Abfolge der Ereignisse wieder. Nach Jesu Tod sandten seine Jünger einen
Verkünder der frohen Botschaft nach Edessa. Dieser, mit Namen Thaddäus, war es
auch, der das Mandylion nach Edessa brachte und König Abgar nur durch das bloße
Herzeigen des Abbildes von seinem Leiden heilte. Wobei Wilson bemerkt, daß die
Texte aus dem 10. Jahrhundert ausdrücklich einen Gegenstand namens Mandylion
erwähnen (denn zu dieser Zeit war ja das Mandylion auch als solches bekannt und
wurde als Reliquie verehrt), während frühere Versionen eher von Visionen oder
auch gemalten Bildern sprechen, doch „solche Konfusionen in den frühen Texten
können mit dem Wissenstand der Zeit erklärt werden, in der sie geschrieben
wurden, wobei es genügt, daß sie wenigstens eine Erinnerung an das Mandylion
enthalten, wenn auch verworren und fehlerhaft. Sie bestätigen zumindest, daß
wir es mit einem Gegenstand zu tun haben, der einmal existierte und dann
verlorenging, wonach die Erinnerung daran dann verständlicherweise verblaßte“[180].
Jedenfalls kamen alle Quellen darin überein, daß sich König Abgar infolgedessen
zum Christentum bekehrte und unter seiner und der Herrschaft seines ersten
Sohnes „eine primitive Art des Christentums zugelassen [wurde]“[181].
Als nach dem Tod des ersten sein zweiter Sohn den Thron bestieg, fiel dieser
wieder ab vom Christentum und mit ihm verliert sich auch die Spur des
„Edessabildes“ im Ungewissen. „Pilgern und Chronisten, die zwischen dem zweiten
und sechsten Jahrhundert über Edessa schrieben, war es gänzlich unbekannt, daß
das Mandylion in der Stadt existierte“[182].
Und nun macht Wilson bei seiner Rekonstruktion einen seiner kühnen Sprünge und
schlußfolgert aus der „Geschichte des Edessabildes“ aus dem 10. Jahrhundert,
daß im Rahmen von Wiederaufbauarbeiten nach einer großen Überschwemmung das
Tuch im Jahre 525 in einer versteckten Nische der Stadtmauer wieder aufgefunden
wurde. Und „ohne den geringsten Disput wird das Tuch als das Originalporträt
identifiziert, das Abgar gebracht worden war“[183].
Im
folgenden erläutert Wilson, wie seiner Ansicht nach das Grabtuch, das ja
bekanntermaßen das Abbild eines ganzen Körpers zeigt, in die Form des
Mandylions gebracht wurde, auf welchem dann nur mehr ein Porträt zu sehen ist,
wobei er zugeben muß, daß „leider absolut keine Mitteilung darüber erhalten
geblieben [ist], wer entschied, diese Verwandlung vorzunehmen, und unter
welchen Umständen es geschah“[184].
Er vermutet, daß es für die Jünger Jesu, die ja Juden waren, eine eher
zweischneidige Angelegenheit sein mußte, so ein Grabtuch zu besitzen; denn nach
jüdischem Glauben war ein solches Tuch „unrein“, außerdem war es ja auch nicht
erlaubt, sich ein Abbild von Gott zu machen. Trotz dieser Hindernisse hätten
sie sich jedoch darauf geeinigt, das Tuch zu behalten und der Hilferuf König
Abgars wäre nun ein willkommener Anlaß gewesen, das Tuch in Sicherheit zu
bringen. Nun konnte man jedoch nicht das Leichentuch eines Gekreuzigten
schicken, daher mußte es also als Porträt „getarnt“ werden. Wilson meint darin
die Arbeit des Herstellers des Königlichen Kopfputzes zu erkennen, welcher eine
ähnliche gitterartige Verzierung wie das Mandylion aufwies. Das Grabtuch sei
dabei zuerst vierfach gefaltet worden, Wilson beschreibt diesen Vorgang wie
folgt: „man nimmt einfach einen Druck des Tuches in voller Länge, faltet es,
faltet es noch zweimal, wobei man ein Tuch in „vierfach gefalteten“ Lagen
erhält. Das Haupt Christi erscheint auf der obersten Lage, merkwürdig
körperlos, genau wie auf den Mandylion-Kopien der Künstler“[185].

Abb. 18: Links
das Tuch in voller Länge mit dem angefügten Seitenstreifen.
Rechts das Tuch gefaltet, so daß nur
mehr das Antlitz zu sehen ist.
In der
Folge sei das nun auf ein Porträt reduzierte Tuch auf eine Platte gespannt
worden und mit einem goldenen Gitterüberzug versehen worden. So sei es nun für
die kommenden Generationen nicht mehr als Grabtuch zu erkennen gewesen, ja man
habe es sogar für ein Porträt des lebendigen Jesus gehalten. Erst im 10.
Jahrhundert, da es von anscheinend im Neuen Testament bewanderten Personen
betrachtet wurde, sei klar geworden, daß es sich hier um ein Grabtuch handelte.

Abb. 19: Das gefaltete Tuch nun in einem
Rahmen gespannt und mit einem Gittermuster überzogen.
Doch
zurück zur Auffindung des Mandylion im 6. Jahrhundert, das bald von den
Bewohnern von Edessa als schutzbringendes Tuch angesehen wurde und in der Folge
„eine Revolution in der Schaffung von Christusbildern - magischen oder
sonstwelchen - entstehen“[186]
ließ. Es entstanden zahlreiche Kopien des Mandylion mit den für dieses Abbild
typischen Merkmalen. Dazu später mehr im Kapitel 6.4 „Die Ikonographentheorie“.
Die
nächste Station des Mandylions ist Konstantinopel, welches es im Jahre 944 erreicht.
Ein Jahr zuvor belagerte die byzantinische Armee Edessa und die Stadt sollte
nur gegen die Herausgabe des Mandylions wieder freigebgeben werden. In
Konstantinopel wurde es in der Pharoskapelle aufbewahrt. In dieser Zeit
(zwischen 1000 und 1100) wurde, laut Wilson, auch erstmals der „wahre
Charakter“ des Tuches erkannt. Er meint, „daß irgend jemand irgendwann nach der
Ankunft des Mandylion in Konstantinopel das goldene Gitterwerk, das das Tuch
bedeckte, aufgemacht, die Fransen von den Nägeln gelöst, sorgfältig das Tuch
aufgefaltet hat und - zum ersten Mal seit den Tagen der Apostel - die Augen auf
die verborgene Gestalt in voller Größe richtete. Wieder ein Moment in der
Geschichte des Mandylion, der unberichtet dahinging und doch entscheidend war“[187].
Als Indizien dafür führt Wilson ins Treffen, daß um diese Zeit „ein
dramatischer Wechsel in der Darstellung des Begräbnisses Jesu aufkam“[188].
Dazu ebenfalls genaueres im Kapitel 6.4 „Die Ikonographentheorie“.
Im Jahr
vor dem Verschwinden des Mandylion aus Konstantinopel, nämlich im August 1203,
berichtet ein französischer Kreuzfahrer, Robert de Clari, das Tuch gesehen zu
haben „...die sydoine, in welcher
Unser Herr eingehüllt war, die jeden Freitag aufrecht stand, so daß die figure Unseres Herrn dort deutlich zu
sehen war“[189]. Dieser
Bericht gilt Wilson als Beweis, daß zu dieser Zeit die einzigen öffentlichen
Ausstellungen des Mandylion stattgefunden haben. Nur kurze Zeit später, im
April 1204 wird die Stadt von Kreuzfahrern geplündert, Gebäude und Kirchen werden
zerstört und das Mandylion verschwindet wieder von der Bildfläche.
Das nun
folgende historische Vakuum von ca. 150 Jahren versucht Wilson mit der
sogenannten „Templer-Hypothese“ zu füllen. Daß er sich auch hier wieder auf das
Feld der Spekulation begibt, bedarf wohl keiner neuerlichen Erwähnung. Eine
Kurzfassung dieser Theorie ist jene, „daß das Tuch, noch gefaltet, so daß nur
das Antlitz sichtbar war, von dem reichen, mächtigen und verschwiegenen Orden
der Tempelritter erworben wurde. Sicher verehrten sie, laut Gerüchten im späten
dreizehnten Jahrhundert, bei geheimen Kapiteltreffen ein seltsames „Idol“ eines
Männerhauptes mit einem rötlichen Bart. Wenn dies der Fall ist, dann könnte das
Tuch zu Anfang bei den Templerschätzen in Akka aufbewahrt worden sein...“[190].
Dieser Orden hätte die baulichen Voraussetzungen (wehrhafte Klosterburgen), um
so einen kostbaren Schatz für lange Zeit zu verwahren und die Abgeschlossenheit
der Gruppe würde ebenfalls eine ideale Möglichkeit zur Aufbewahrung über
Generationen hinweg bieten. Außerdem gibt es für Wilson eine nicht von der Hand
zu weisende Verbindung zwischen dem Tempelritter Geoffroy de Charnay und dem
ersten dokumentierten Besitzer des Tuches im 14. Jahrhundert Geoffroy de Charny
(über den historischen Stellenwert des Letztgenannten wurde bereits berichtet).
Gerade der oben zitierte Mysterienkult um dieses „seltsame Idol“ hat es Wilson
angetan, denn dieser sei als ziemlich eindeutiger Hinweis, daß die Templer im
Besitz des (noch gefalteten) Tuches gewesen seien, zu werten. Im Jahre 1306
wurde nun der Schatz der Templer nach Frankreich gebracht, doch bereits im
folgenden Jahr wurden die Templer auf Befehl Philipps des Schönen verhaftet und
laut Wilson ist dies der Moment, in dem das „Grabtuch [...] aus seinem Rahmen
herausgeschnitten [wird], um hinausgeschmuggelt zu werden in Sicherheit...“[191].
Wie nun das Tuch seinen Weg vom Ordensmeister der Normandie Geoffroy de
Charnay, der gemeinsam mit dem letzten Großmeister des Ordens, Jaques de Molay,
1314 auf dem Scheiterhaufen starb, zum bereits ausführlich erwähnten Geoffroy
de Charny fand, läßt auch Wilson im Dunkeln, mit anderen Worten, es gibt
(wieder einmal) keine historischen Belege. Das ändert sich erst Mitte des 14.
Jahrhunderts, als die erste dokumentierte Ausstellung des Tuches (jetzt als das
TG, wie wir es kennen) stattfindet.
Und
hier, als wir uns nun wieder auf historisch gesicherte Pfade begeben, endet
auch Wilsons Rekonstruktionstheorie, zu der ich noch abschließend einige
persönliche Kommentare, aber auch Aussagen anderer Grabtuchforscher stellen
möchte.
Als
erste Bemerkung zu Wilsons Arbeit drängt sich mir die Frage auf, ob wir es hier
wirklich mit historischer (Tatsachen-)forschung zu tun haben oder ob es sich
hier nicht viel mehr um das Ansammeln von Indizien auf kriminalistischer Ebene
handelt. Es erscheint mir doch recht verwegen, anhand der von ihm
zusammengetragenen (wenn auch sehr zahlreichen!) Informationen, behaupten zu
wollen, die Geschichte des TG lückenlos von Christi Begräbnis bis ins 14.Jahrhundert
rekonstruieren zu können. Auch wenn er
selbst seine Ergebnisse immer wieder relativiert, indem er zugibt, sich auf dem
dünnen Eis der Spekulationen zu bewegen, so erscheinen mir diese Aussagen doch
eher alibihaft (um nicht dem Vorwurf der Phantasterei ausgeliefert zu sein),
denn dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, daß Wilson sehr wohl davon
überzeugt ist, hier die historische Wahrheit zu präsentieren. Und die Akribie,
mit der er seine Forschung betreibt und auch das kleinste, noch so unbedeutend
erscheinende Detail als Beweis für die Echtheit des TG aufzutreiben versucht,
ist meiner Ansicht nach schon bewundernswert. Nichtsdestotrotz gilt auch hier
der Spruch „gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht“, soll heißen, nur
weil er sich all die Mühe gemacht hat und seine Ergebnisse in einem recht
wissenschaftlich anmutenden Buch veröffentlicht hat, heißt das noch lange
nicht, daß man all das unkritisch hinnehmen und als endgültige Wahrheit in der
„unendlichen Geschichte“ des TG ansehen muß. Konkret möchte ich noch folgende
Punkte erwähnen, die mir bereits während der Lektüre aufgefallen sind. So
spricht Wilson ja davon, daß als die „Umwandlung“ vom Grabtuch zum Mandylion,
also die Faltung, stattfand, das Tuch auf einer Platte aufgespannt wurde und dann
mit einem goldenen Gitterüberzug versehen wurde („Das gefaltete Tuch straff in
einen Rahmen gespannt und mit einem Gittermuster überzogen“[192]).
Wenn er dann den Moment der Wiederauffindung im 6.Jahrhundert beschreibt, wird
das in einer Nische der Stadtmauer aufbewahrte Tuch aber plötzlich wieder
„entfaltet“ („In diesem Moment wurde das Mandylion entfaltet“[193]).
Wie soll das nun aber funktionieren, ein auf eine Platte gespanntes Tuch zu
entfalten? Es müßte ja mitsamt der Platte gefaltet worden sein, und das
erscheint mir doch recht unwahrscheinlich. Nun, es mag sich hier um ein
unbedeutendes Detail handeln (vielleicht auch nur ein Problem der deutschen
Übersetzung), trotzdem erscheint es mir wert, dies hier zu erwähnen, da eben
gerade in der Echtheitsdikussion so viele Auseinandersetzungen um genau solche
Details geführt werden.
Zweitens
erscheint es mir mehr als verwegen anzunehmen, daß wirklich niemand über
Generationen hinweg auch nur den Versuch unternommen haben soll,
herauszufinden, was hinter dem Mandylion steckt, also niemand die wahre Größe
des gesamten Tuches entdeckt haben sollte. Um es mit Josef Dirnbeck zu sagen:
„[...] eine solche Annahme ist leider wenig plausibel. Sie mutet uns zu, unsere
Vorfahren für einfältig, leichtgläubig und phantasielos zu halten.[...]
Jahrhunderte lang sollen ganze Generationen von Menschen sich nicht dafür interessiert haben,
nachzuprüfen und nachzusehen, worin die Einzigartigkeit dieses einzigartigen
Grabtuchs eigentlich besteht?“[194].
Und wieso sollten die Betrachter des Tuches im 6. Jahrhundert nicht fähig
gewesen sein, Bild- und Blutspuren auf dem Tuch zu unterscheiden, so wie es
dann angeblich die Menschen im 10. Jahrhundert plötzlich erkannten? Das kann
doch nicht womöglich am „mäßig gedämpften Licht“[195]
liegen, da können ja wohl - meiner Ansicht nach- die Unterschiede zwischen dem
6. und 10. Jahrhundert nicht so groß gewesen sein. Laut Wilson waren sie (die
Menschen im 10. Jahrhundert) nämlich „fähig, die blassen karminfarbenen Spuren
rings um die Stirn zu bemerken, die nicht eigentlich Blut, aber auch nicht
bloßer Schweiß zu sein schienen. Bewandert wie sie im Neuen Testament waren,
war ihre Folgerung äußerst logisch: die Spuren mußten der Blutschweiß
von der Todesnot Jesu in Getsemani sein, wie im Lukasevangelium berichtet“[196].
Ein
weiterer Punkt, der mir seltsam erscheint ist folgender: wenn wir Wilsons
Theorie folgen, dann stimmen wir darin überein, daß irgend jemand das Tuch,
während es in Konstantinopel war, aus seinem Rahmen herausnahm und die wahre
Gestalt erkannte, doch als es dann in die Hände der Templer überging, kehrt es
plötzlich zu der Nur-Antlitz-Form des Mandylion zurück. Hatte man nun also
wieder „vergessen“, daß es ich um ein Grabtuch handelt? Denn auch beim zuvor
erwähnten „Idol“ der Templer handelt es bloß um einen männlichen Kopf, es wird
nie von der Darstellung eines ganzen Körpers gesprochen. Wie dies zu erklären
ist, darüber läßt uns Wilson leider - wieder einmal- im Ungewissen.
Daß die
Kommentare der Grabtuchforscher-Kollegen naturgemäß je nach Überzeugung
(Echtheit- ja oder nein) sehr konträr ausfallen, ist wohl verständlich. Der von
mir bereits zitierte Josef Dirnbeck ist aufgrund seiner Aussagen wohl deutlich
als Gegner der Echtheit des TG zu erkennen. Auf Seiten der Befürworter der
Echtheit kann man jedoch generell Zustimmung zu Wilsons Theorie erkennen; dies
wird verständlich aufgrund der Tatsache, daß es - meines Wissens- keine andere
so umfangreiche Hypothese zur Geschichte des TG vor dem 14.Jahrhundert gibt und
diese Theorie so den Grabtuchapologeten mehr als gelegen kommen mußte. Einig
sind sich die meisten der Befürworter der Echtheit darin, daß Mandylion und
Grabtuch möglicherweise doch identisch sind, abweichende Theorien gibt es dann
darüber, wie das Mandylion/Grabtuch von Konstantinopel nach Frankreich kam. Für
die beiden Autoren Gruber und Kersten ist das „Idol“ der Templer keineswegs
identisch mit dem Tuch. „Ian Wilson will uns dies zur Untermauerung seiner
Lieblingshypothese glauben machen. Doch Wilson macht sich schuldig, die Zitate
seiner Theorie anzupassen oder sie unzulässig zu verkürzen. Das ist sehr
unglücklich, zumal er dadurch seine an sich interessanten Ideen selbst ins
Zwielicht bringt. [...] Über Art und Aussehen des Kopfes kann kein Zweifel
sein. Wilson war darauf bedacht, absichtlich in die Irre zu führen. Doch lassen
wir uns von einem Beispiel vorurteilsgeleiteter Forschung nicht verdrießen, und
verfolgen wir die Fährte des Idols weiter“[197].
Werner
Bulst hingegen, der selbst einiges zu dieser Thematik beigetragen hat, sieht
Wilsons Ansatz grundsätzlich positiv. „Es bleibt sein Verdienst, als erster
einen Weg aufgezeigt zu haben, der trotz mancher Bedenken als möglich gelten
kann“[198]. Trotzdem
relativiert er Wilsons Hypothese, vor allem im Zusammenhang mit den Templern,
ähnlich wie Gruber und Kersten sieht er es nicht als erwiesen an, daß das
„Idol“ der Templer wirklich mit dem Mandylion/TG identisch ist. „Dagegen dürfte
zunächst sprechen, daß die Templer - wie auch die anderen Ritterorden - beim
4.Kreuzzug keine Rolle spielten, und daß andere, die am alten Reichspalladium
interessiert sein konnten, einen leichteren Zugang gehabt hätten. Gewichtiger
ist, daß in den Protokollen des Templerprozesses, das „Idol“ nur regional eine Rolle spielte“[199]. Außerdem zieht auch er die Möglichkeit in
Betracht, wie Gruber und Kersten, daß es sich bei dem „Idol“ wirklich um eine
Büste, bzw. einen dreidimensionalen Gegenstand und nicht bloß um ein Abbild auf
einem Tuch handelte.
Auch
Alfred Läpple übernimmt in seinem Artikel über das TG[200]
in großen Zügen Wilsons Theorie, ebenso Karl Herbst in seinem Buch[201],
letzterer aber, ohne Wilson auch nur zu erwähnen. Außerdem scheint Herbst auch
ein Fehler in der Datierung unterlaufen zu sein, wenn er die Wiederentdeckung
des Mandylions um das Jahr 440 ansiedelt. Man mag zu Wilsons Theorie stehen wie
man will, man kann annehmen, daß er die Jahreszahlen ziemlich gründlich
recherchiert hat. Auch Robert K. Wilcox bemüht in seinem Werk über das TG[202]
Wilsons Theorie. Er streicht aber einen von Bulst und Läpple ebenfalls
erwähnten Schwachpunkt der Theorie heraus: „Die Theorie von der Identität der
Reliquien hat allerdings eine beachtlichen Schwachpunkt. In den Überlieferungen
über die im Konstantinopel des 12. und 13. Jahrhunderts befindlichen Reliquien
erscheinen das „Bildnis von Edessa“ und das Grabtuch Christi jeweils
selbständig, es müßte sich dabei also doch um zwei verschiedene Reliquien
gehandelt haben. Dieser scheinbare Widerspruch aber, führte Wilson aus, ließe
sich durchaus aufklären: es ist wahrscheinlich, daß es sich bei den in den
Verzeichnissen[203]
angeführten „Bildnissen von Edessa“ um Kopien eines Originals handelte, eben
des einzigen und echten Originales, das neben dem Abbild des Antlitzes auch die
vollständigen Körperabdrücke enthielt“[204].
Für Bulst liegt der Grund für die Ähnlichkeit zwischen Edessabild und TG darin,
daß „entweder von dem damals in Edessa befindlichen Grablinnen das Antlitz Jesu
kopiert wurde, oder daß es sich, weil immer nur vom Antlitz Jesu die Rede ist,
um das „Schweißtuch“ Jesu handelte“[205].
Bulst führt diese Theorie vom Veronikabild und seiner Beziehung zum Grabtuch an
anderer Stelle noch deutlicher aus, da sich das Thema dieser Arbeit aber allein
auf das Grabtuch beschränkt, sei - für den interessierten Leser- in diesem
Zusammenhang nur auf Bulsts Arbeit hingewiesen[206].
Um noch
einmal auf Wilcox` Buch zurückzukommen, so kann ich nicht umhin noch auf einen
gravierenden Fehler hinzuweisen. In seiner Wiedergabe eines Interviews mit Ian
Wilson, soll dieser gesagt haben (auf die „Affäre“ d´Arcis angesprochen) „Man
kann sich durchaus vorstellen, daß die Witwe von de Charney nach seiner
Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen in finanzielle Schwierigkeiten gekommen sein
konnte und aus diesem Grund den Beschluß faßte, das in Familienbesitz
befindliche Grabtuch auszustellen, um sich damit einige bescheidene Einnahmen
zu verschaffen“[207].
Dem aufmerksamen Leser kann hier wohl nicht entgangen sein, daß Wilson (oder
Wilcox) hier die beiden Charn(a)ys -
außerdem mit „a“ und nicht mit „e“ - verwechselt. Charnay der Templer war es,
der auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde, und zwar im Jahre 1314 und er
hinterließ - meines Wissens nach - keine Witwe. Charny, der historisch
verbürgte Besitzer des Grabtuches starb aber, das ist ebenfalls historisch
gesichert, 1356 in der Schlacht bei Poitiers. Und dieser Letztgenannte war es,
der eine Witwe, Jeanne de Vergy, hinterließ, und selbige war es, welche die
erste Ausstellung des TG organisierte. Es stellt sich nun die Frage, ob sich
hier Wilson selbst in seiner eigenen Theorie „verirrt“ hat, oder ob dieser
offensichtliche Fehler der ungenauen Arbeit von Robert K. Wilcox zuzuschreiben
ist. Persönlich neige ich eher dazu, die letztere Annahme für plausibel zu
halten, da Wilcox` Buch sich in einem eher populärwissenschaftlichen Stil
präsentiert und exakte Recherche wohl nicht zu seinen obersten Prioritäten
zählt.
Wie
bereits am Beginn dieses Kapitels erwähnt, hat sich neben Ian Wilson besonders
Werner Bulst um eine Rekonstruktion der Geschichte des TG bemüht. Seine Meinung
zu Wilsons Theorie wurde bereits präsentiert, hier nun seine eigenen Ideen zum
Thema.
Bulst
nimmt an, daß das Grabtuch von Petrus am Ostermorgen im leeren Grab aufgefunden
wurde, aus bereits bekannten Gründen wurde diese Tatsache aber nicht öffentlich
gemacht. Durch ihn sollte auch das Grabtuch seinen Weg nach Rom gefunden haben.
„Die römische Kirche hat auf die lückenlose Petrusnachfolge immer größten Wert
gelegt. Es ist also zumindest möglich, daß sich das Grabtuch im Besitz der
Nachfolger des Petrus befand“[208].
Dorthin sei es aber in der zusammengefalteten Form gebracht worden, somit sei
nur das Antlitz sichtbar gewesen. Zur Zeit Konstantins sei es in die eigens
erbaute Pharoskapelle nach Konstantinopel gebracht worden. Zum Schutz des
Grabtuchs, als das Heidentum wieder Einzug hielt, habe man es nach Edessa
gebracht. Im 9. Jahrhundert sei es dann wieder nach Konstantinopel
zurückgekehrt, von wo es im Jahre 1204 verschwand. Mehr Details zu dieser
Theorie findet sich im Kapitel 6.4 „Die Ikonographentheorie“. Wie es seinen Weg
nach Frankreich machte, dafür gebe es verschiedene Hypothesen. So die von
Wilson entwickelte Templerhypothese, auf die hier logischerweise nicht mehr
eingegangen werden muß, außerdem die sogenannte „Besançonhypothese“. Diese
besagt, das Mandylion sei durch einen französischen Adeligen nach Besançon
gekommen „und dort 1349 beim Brand der Kathedrale gestohlen worden. Ein
Grabtuch wird dort erstmals 1532 genannt, und es war eine Kopie der
Vorderansicht des TG“[209].
Also scheide diese Annahme mit ziemlicher Sicherheit aus. Eine weitere Theorie
bringt die Staufer ins Spiel rund um das TG. Darstellungen Rogers II. im
byzantinischen Stil und andere Christusbilder wiesen mehr Ähnlichkeiten zu den
östlichen Bildwerken als zu den westlichen auf (hierzu mehr in Kapitel 6.4 „Die
Ikonographentheorie“). Jedoch seien die Forschungen auf diesem Gebiet noch
nicht abgeschlossen. Folgender Weg sei laut Bulst am ehesten wahrscheinlich: da
der Lateinische Kaiser bald bankrott war, mußte er viele seiner Wertgegenstände
zu Geld machen. „Ein Brief Balduins II., des letzten Lateinischen Kaisers, vom
Juni 1247 an Ludwig den Heiligen nennt viele Reliquien, die er dem
französischen König übereignete. [...] Drei davon werden als „heilig“ hervorgehoben:
1) die sancta spinea corona (die Dornenkrone), 2) die magna portio
sanctae crucis (die große Kreuzreliquie), 3) die sancta toella tabule
inserta. Was war das?“[210].
Der Leser wird es schon erahnen, daß sich hinter dieser Bezeichnung das TG
verbirgt, oder vielmehr vermutet Bulst das. „Das spätlateinische toella
(Handtuch) ist die genaue Übersetzung von Mandylion. Daß wirklich dieses
gemeint war, folgt aus der Befügung tabule (tabulae) inserta, d.h. in
eine Tafel eingefügt oder auf sie aufgezogen“[211].
Von dort habe das Tuch dann seinen Weg in die Hände der de Charnys gefunden.
Dies deckt sich jedoch mit der von Wilson entworfenen Theorie, bzw. gilt
ohnehin als historisch gesichert, muß daher hier nicht näher ausgeführt werden.
Ein
gewichtiges Argument gegen die Echtheit des TG war natürlich immer wieder das
was Werner Bulst als das „Schweigen der ersten Jahrhunderte“[212]
bezeichnet. Also die Tatsache, daß das erste Dokument, in dem das TG als
solches erwähnt wird, bekanntermaßen aus dem 14.Jahrhundert stammt. Im
besonderen bezieht sich dieses „Schweigen“ auf die ersten sechs
nachchristlichen Jahrhunderte und da vor allem auf die Nichterwähnung des
Tuches bei den Evangelisten. Wie unschwer zu erkennen ist, kommen wir hier in
den Bereich der Bibelwissenschaft, der Exegese, die sich naturgemäß auch mit
dem Problem des TG beschäftigt hat. Doch überraschenderweise - und hier sind sich Gegner und Befürworter
der Echtheit einmal einig - sind die meisten Exegeten heutigen Tages eher
zurückhaltend wenn das TG zur Sprache kommt. In den fünfziger Jahren war es im
deutschsprachigen Raum Josef Blinzler, der mit Vehemenz gegen die Echtheit des
TG auftrat[213]. In den
achtziger und neunziger Jahren sind es
u.a. Werner Bulst, Josef Dirnbeck, Karl Herbst und auch Kersten und
Gruber um nur einige zu nennen, die sich ausführlicher mit der Problematik des
Grabtuches im Zusammenhang mit der Exegese beschäftigten.
Da wir
uns hier wieder auf ein fachfremdes - also nicht der Historie zugehöriges -
Gebiet begeben, möchte ich zuerst kurz erklären, was wir unter den Begriffen
fundamentalistische, beziehungsweise historisch-kritische Bibelwissenschaft zu
verstehen haben. Wie das Wort „fundamentalistisch“ schon erahnen läßt, geht es
dabei um die wortwörtliche Auslegung der Bibel, in den Worten der Päpstlichen
Bibelkommission vom 23.4.1993 heißt es folgendermaßen: „Die fundamentalistische
Verwendung der Bibel geht davon aus, daß die Heilige Schrift - das inspirierte
Wort Gottes und frei von jeglichem Irrtum - wortwörtlich gilt und bis in alle
Einzelheiten wortwörtlich interpretiert werden muß. [...] Eine solche Art, die
Bibel zu lesen, steht im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode, aber auch
zu jeder anderen wissenschaftlichen Interpretationsmethode der Heiligen
Schrift“ und das Grundproblem dieser Auffassung bestehe darin, daß diese „den
geschichtlichen Charakter der biblischen Botschaft ablehnt“[214].
Es werde also oft etwas als historisch wahrhaftig angesehen, was aber wirklich
nur symbolisch zu verstehen sei, denn nicht alles was in der Vergangenheitsform
erzählt würde, sei auch als geschichtlich aufzufassen. Es läßt sich unschwer erkennen,
daß Dirnbeck selbst kein Anhänger der fundamentalistischen Methode ist, sondern
bei seinen Analysen die historisch-kritische Methode anwendet. Es ist
vielleicht interessant anzumerken, daß der von ihm so positiv hervorgehobene
Blinzler in seiner Arbeit gerade eben die von Dirnbeck abgelehnte
fundamentalistische Interpretationsweise anwendet. Das erscheint mir schon so
etwa nach der Art - salopp formuliert - „der Zweck heiligt die Mittel“. Also so
quasi, wenn Blinzler mit der von mir (=Dirnbeck) abgelehnten Methode zu dem von
mir (=Dirnbeck) gewünschten Ergebnis kommt, kann er diese getrost anwenden.
Gruber und Kersten (zwei Verfechter der Echtheit) nähern sich ebenfalls „dem
Johannes-Text [...] wie einer Aufzeichnung, die ein historisches Ereignis beschreibt“[215].
Sie bezeichnen dies als eine „natürliche Leseweise“, „die, soweit möglich, die
theologische Interpretation vermeidet“[216].
Doch
nun zurück zum Thema, bei dem es um die „richtige“ Interpretation der Passions-
und Osterberichte geht. In diesem Zusammenhang weist Dirnbeck darauf hin, daß
die beiden Teile verschiedenen Textschichten angehören. Während die
Passionsgeschichte als Wiedergabe eines historisch gesicherten Geschehens
gelten kann, sind die Ostererzählungen „von ihrer literarischen Gattung her
Verkündigungsgeschichten mit einer ganz bestimmten Aussageabsicht“[217].
Das heißt, diese sind nicht als historische Tatsachenberichte anzusehen,
sondern als theologische Entfaltung des Auferstehungsglaubens zu bewerten. Und
dieser Interpretation folgend gehört auch das Begräbnis Jesu bereits zu den
Ostererzählungen und darf somit nicht mehr als historisch exaktes Ereignis
angesehen werden. Eine Schwierigkeit auf die man dabei stößt ist die Tatsache,
daß man im Neuen Testament nicht weniger als drei verschiedene Versionen von
Jesu Begräbnis findet: „Zum einen die uns allen wohlvertraute Version von der
Beisetzung im Felsengrab, die alle vier Evangelisten in charakteristischen
Variationen berichten. Zum anderen eine zweite, ältere Version, die sich nur
bei den Synoptikern findet, nicht aber im wesentlich jüngeren
Johannesevangelium. Und eine dritte Version in der Apostelgeschichte“[218].
Diese Problematik sieht auch Bulst, da es „noch nie eine einheitliche Auslegung
der Grablegungsberichte gegeben hat. [...] Die in den Berichten genannten
Tücher sind schon philologisch nicht eindeutig. Keine einheitliche Auffassung
gibt es ferner über die Lage der Tücher bei der Auffindung des Grabes nach Joh
20,5f. Darum wird heute, vor allem im deutschen Raum, die Geschichtlichkeit der
Berichte in Frage gestellt. Meist werden zwei verschiedene (unvereinbare)
Überlieferungen angenommen“[219].
Daher kommt er zu dem Schluß, daß sich aus den Begräbnistexten allein weder die
Echtheit noch die Unechtheit des TG ableiten lassen könne und man die jüdische
Begräbnisliteratur für mehr Informationen über das wirkliche Begräbnis Jesu
heranziehen müßte. Dazu und zur Problematik der Begriffe für das „Tuch“ aber an
anderer Stelle mehr.
Dirnbeck
hingegen versucht aus der Bibel selbst Schlüsse über das Begräbnis Jesu zu
ziehen. Wie bereits erwähnt, sind die Berichte uneinheitlich und teilweise
widersprüchlich, das geht sogar soweit, daß die Chronologie in den Berichten
eine unterschiedliche ist. Während bei den Synoptikern das letzte Abendmahl am
Freitag, dem Tag vor dem Sabbat stattfindet und das Verhör und die Hinrichtung
am Sabbat vollzogen wird, stirbt Jesus im Johannesevangelium bereits am
Rüsttag, dem Tag vor dem Sabbat. „Und nun kommt das Überraschende: Als es darum
geht, den toten Jesus vom Kreuz zu nehmen und zu begraben, ist es bei den
Synoptikern plötzlich wieder Rüsttag, [...]. Bei sämtlichen Synoptikern springt
die Chronologie um einen Tag zurück“[220].
Dies beweise, laut Dirnbeck, daß Passions- und Ostergeschichten nicht zur
selben Textschicht gehören und letztere dürfen daher auch nicht als
historischer Tatsachenbericht mißverstanden werden. In Dirnbecks eigenen Worten
heißt es: „Nach der Historizität des Josef von Arimathäa zu fragen, macht genauso
viel Sinn wie nach der Historizität der Weisen aus dem Morgenland zu fragen“[221].
Beides seien theologisch motivierte Charaktere, die ihren Weg in die Bibel
aufgrund von Texten aus dem AT, die man auf Jesus bezog, gefunden hätten. Im
Falle des Josef von Arimathäa handelt es sich um eine Stelle aus dem Vierten
Lied vom Gottesknecht aus dem Buch Jesaja, wo es heißt (ich zitiere nach
Dirnbeck): „Bei Verbrechern bestimmte man sein Grab und bei den Reichen seine
Gruft, obgleich er niemals Unrecht tat und kein Trug in seinem Munde war“ (Jes
53,9). Hier ist auch die Übersetzung problematisch, in der von mir verwendeten
Bibelausgabe heißt es nämlich: „Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei
den Verbrechern seine Ruhestätte, [...]“, wobei diese Differenz laut Dirnbeck
so zu erklären sei, daß auch die Reichen „der Bibel [...] nicht besonders sympathisch“[222]
seien und somit auch in die Kategorie der „Ruchlosen“ eingeordnet werden
können.
Es wird
nun klar, daß es Dirnbecks Intention ist, den Verteidigern der Echtheit des TG,
die diese aus den Evangelien zu beweisen versuchen, quasi das Wasser
abzugraben, um es salopp zu formulieren. Doch anders als Bulst versucht er
trotzdem aus der Bibel exaktere Informationen über das Begräbnis zu bekommen.
Diese findet er in der oben bereits erwähnten Version in der Apostelgeschichte,
genauer in einer Predigt des Paulus (Apg 13,14-52). Hier heißt es : „Als sie
alles vollbracht hatten, was in der Schrift über ihn gesagt ist, nahmen sie ihn
ab vom Kreuzesholz und legten ihn ins Grab“ (Apg 13,29). Und mit „sie“ ist
nicht etwa Josef von Arimathäa und Nikodemus gemeint, sondern „die Einwohner
von Jerusalem und ihre Führer“ (Apg 13,27). Für Dirnbeck ist Paulus`
Argumentationslinie klar: „Er predigt die Auferstehung Jesu, und er verkündet
das für jüdisches Empfinden so schwer zu ertragende „Ärgernis“, daß Jesus ein
Gekreuzigter war. Aber anders als in den Evangelien wird die Schmach des
Verbrechertodes nicht dadurch gemildert, daß Jesus wenigstens nicht im
Verbrechergrab landete. Nein, Jesus blieb auch diese Schmach nicht erspart. Nicht ein reicher Ratsherr war es, der
Jesus in ein schönes, bisher unbenutztes Felsengrab legte, sondern - so
erfahren wir von Paulus - die „Bewohner von Jerusalem und ihre Vorsteher“,
waren es, die Jesus vom Holz holten und ins Grab legten“[223].
Diese Bibelstelle ist laut Dirnbeck gemäß der historisch-kritischen Methode
ernster zu nehmen, als die Version bei Johannes, und würde auch zu dem im
Vierten Lied vom Gottesknecht erwähnten Begräbnis, bei den „Verbrechern“ besser
passen, als die Version von Josef von Arimathäa.
Weitere
Hinweise darauf, daß ein solches, wie in Johannes beschriebenes Begräbnis nicht
stattgefunden hat, glaubt Dirnbeck auch im Verhalten der Frauen, die Jesu Grab
besuchen, zu erkennen. Sie sind es ja, die als seine treuesten Anhängerinnen
mit ihm ausharren, sich nicht verstecken. „Als aber Jesus tot ist und Josef von
Arimathäa daherkommt, um ihn vom Kreuz herabzunehmen und im Felsengrab
beizusetzen, wie kommt es, daß ausgerechnet die Frauen, diese Treuesten aller
Treuen, nicht am Begräbnis teilnehmen, sondern nur aus der Ferne zusehen
[...]?“[224] Seine
Begründung lautet schlicht und einfach: „weil ein solches Begräbnis nämlich gar
nicht stattgefunden hat“[225].
Blinzler hingegen interpretiert die synoptischen Berichte dahingehend, daß es
„nicht üblich [war], daß Frauen bei den letzten Verrichtungen an der Leiche vor
und bei der Grablegung mitwirkten, und noch heute pflegen in Palästina Frauen
bei der Bestattung nicht zuzuschauen, sondern außerhalb des Friedhofes stehen
zu bleiben“[226]. Auch der
Gang der Frauen, wie sie die Evangelien berichten, müßte laut Dirnbeck anders
interpretiert werden. Das ganze würde nur Sinn machen, wenn Jesus zu dem
Zeitpunkt noch nicht begraben worden
sei und die Frauen eben im Sinn hatten, Jesus ein würdiges Begräbnis zu geben.
Folgte man jedoch der Josef-von-Arimathäa-Version, ergäben sich „nur neue
Ungereimtheiten. Die Geschichte wird nur um so verworrener, je mehr man die
beiden ganz unterschiedlichen Versionen miteinander verbindet. Und erst recht,
wenn man das Sondergut des Johannesevangeliums miteinbezieht“[227].
Der Gang zum Grab könne deshalb nur so interpretiert werden, daß es sich hier
ebenfalls um eine eigenständige Version handelt, bei der die Frauen Jesus für
das Begräbnis salben wollen. In seiner fundamentalistischen Betrachtungsweise
widerspricht Blinzler hier wiederum, indem er sagt: „Aber es ist doch sehr
zweifelhaft, ob diese beabsichtigte Salbung die Nachholung der üblichen
Totensalbung sein sollte. [...] Wenn sie trotzdem am Ostermorgen die Absicht
hatten, den Heiland zu salben, so kann es sich dabei nur um einen an sich nicht
notwendigen Akt der Pietät gehandelt haben“[228].
Folgt man Dirnbecks Interpretation, dann steckt in der Phrase „an sich nicht
notwendigen Akt“ bereits der Beweis dafür, daß die Geschichten eigentlich nicht
zusammenpassen und daher auch bei wortwörtlicher Auslegung Schwierigkeiten
bereiten, weil sie nicht eindeutig sind. Hier stimmt auch Bulst mit Dirnbeck
überein, Bulst kommt jedoch zu dem Schluß, daß das Begräbnis zwar stattgefunden
habe, aber eigentlich nur ein provisorisches gewesen sei, denn aufgrund des
nahenden Sabbat mußte das eigentliche Begräbnis verschoben werden. Und wie
beide ebenfalls betonen, sei die Zeit von Jesu Tod bis zum Sonnenuntergang
äußerst knapp gewesen, es sei also nicht realistisch anzunehmen, daß die sonst
bei Juden üblichen Maßnahmen noch durchgeführt wurden: „Waschung des Leichnams
mit warmem Wasser [...], Salbung, Verstopfung der Körperöffnungen, was die
Verwesung etwas aufhalten sollte, Bekleidung des Leichnams usw. [...]“[229].
Wobei aber zur Waschung zu sagen ist, daß sie anscheinend bei Hingerichteten
entfiel. Dazu an anderer Stelle mehr.
Wichtig
zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch noch die Problematik des leeren Grabes.
Dirnbeck zitiert hier Josef Finkenzeller, nach dessen Meinung man an der
Historizität desselben nicht bauen könne. Es sei vielmehr wahrscheinlicher, daß
Jesus bei den Hingerichteten begraben wurde. „Es ist auch nicht auszuschließen,
daß die Grabesgeschichten deswegen entstanden sind, weil man es in einer
bestimmten Zeit nicht mehr ertragen hat, daß Christus nicht einmal ein würdiges
Grab erhalten hat. [...] Dazu kommt, daß die Botschaft von der Auferstehung
Jesu gerade im jüdischen Bereich nie hätte Fuß fassen können, wenn man nicht
auf ein leeres Grab und damit auf ein Auferstehen aus dem Grab hingewiesen
hätte. Es ist zumindest nicht auszuschließen, daß die Grabesgeschichten in der
vorliegenden Gestalt um der Auferstehungsbotschaft willen entstanden sind“[230].
Dem völlig entgegengesetzt sagt Bulst: „Das leere Grab ist keine apologetische
Erfindung. Ohne das leere Grab wäre die Osterpredigt, kurze Zeit nach der
Katastrophe des Karfreitag und am Ort des Grabes, unmöglich gewesen. [...] Wäre
es so gewesen, wäre die Geschichte des Christentums am ersten Tage zu Ende
gewesen“[231]. Hier
kommen wir nun bereits in den Bereich des Glaubens, der uns zwar vom
eigentlichen Thema, der wissenschaftlichen Erforschung des TG, wegführt.
Trotzdem ist auch diese theologische Problematik der Auferstehung und des
leeren Grabes ein wichtiger Baustein in der Echtheitsdiskussion, wie bereits im
Kapitel „Theorien zur Entstehung des Abbildes auf dem TG“ erläutert wurde.
Der
langen Rede kurzer Sinn: Es läuft also alles darauf hinaus, daß eine
historisch-kritische Bibelanalyse (nach Dirnbeck) beweisen soll, daß das
Turiner Grabtuch nicht echt sein kann, da Jesus eben nicht so bestattet wurde,
wie es in der Josef-von-Arimathäa-Geschichte erzählt wird. Außerdem fügt
Dirnbeck hinzu, sei es auch vom theologischen Standpunkt „so sicher [...] wie
das Amen im Gebet, daß ein Grabtuch mit einem Abdruck des geschundenen Körpers
des Gekreuzigten keineswegs das wäre, was Jesus denen, die ihm nachfolgen,
hinterlassen hätte mögen. [...] Der Auferstandene ködert keinen mit einem
sichtbaren Zeichen“[232].
An
diesem Punkt trennen sich die Wege von Dirnbeck und Bulst, der ja bekanntlich
für die Echtheit des TG eintritt. Wie oben erwähnt, gibt auch er zu, daß man
aus den Evangelien allein nicht allzuviel Information über das (wirkliche)
Begräbnis Jesu bekommt. Trotzdem nimmt er es als historisch gegeben hin, daß
Jesus nicht im Verbrechergrab „endete“, sondern ehrenvoll von dem Ratsherrn
Josef von Arimathäa bestattet wurde, wenn auch nicht in der von den Fundamentaltheologen,
wie zum Beispiel von Blinzler, angenommenen Weise, daß der Leichnam Jesu nach
jüdischem Brauch bandagiert worden sei[233].
Wäre dies der Fall gewesen, könnte eine solcher Abdruck, wie er auf dem TG zu
sehen ist, ja niemals entstanden sein. Deshalb auch Blinzlers Schlußfolgerung,
daß das TG nicht echt sein könne. Bulst aber, von der Echtheit überzeugt,
bemüht sich, die Erklärungslücken der Evangelien durch die Analyse jüdischer
Begräbnisliteratur zu schließen, um so der Wahrheit um das TG etwas näher zu
kommen. Keinesfalls sei also der Leichnam Jesu in irgendeiner Weise bandagiert
worden, vielmehr sei anzunehmen, daß Jesus in einer Art Arcosol-Troggrab
bestattet worden sei und man dann das Tuch über seinem Körper ausgebreitet
habe. „Einige Versuche an Modellen in den Originalmaßen jüdischer Gräber jener
Zeit zeigten, daß ein Leinentuch in der Größe des Turiner Tuches auf den
Rändern liegen bleibt. Es senkt sich leicht, bis es auf dem Körper aufliegt“[234].
So könnten auch die nur minimalen Verzerrungen des Abdruckes erklärt werden,
wäre der Körper eingeschnürt worden, wären die Verzerrungen sehr stark
ausgefallen, aber für ein Begräbnis dieser Art (eingeschnürter Körper) gibt es
laut Bulst auch keinerlei Grundlage in den biblischen Texten. Im Kapitel 5 „Zur
Entstehung des Abbildes auf dem TG“ wurde bereits auf diese Art der Bestattung
eingegangen.
Ein
weiteres Indiz für die Echtheit des Tuches sei in einer jüdischen Vorschrift
für die Bestattung Hingerichteter zu finden: „Da das lebendige Blut als Sitz des
Lebens galt, wurde ein solcher Toter nicht gewaschen, sondern so, wie er war,
also in seinen blutigen Kleidern, oder - wie im Falle Jesu - unbekleidet, in
ein weißes Tuch gehüllt, bestattet“[235].
Obwohl laut Bulst diese Tradition sich anhand von Texten nur bis ins 16.
Jahrhundert[236]
zurückverfolgen läßt, könne angenommen werden, daß dies auch schon zu Jesu
Zeiten so gehandhabt wurde. Dem entgegengesetzt behauptet Blinzler, „es will
nicht recht einleuchten, daß die Männer, die sich die Zeit genommen haben, kostbares
Linnen und 32 kg Myrrhe und Aloë einzukaufen und herbeizuschaffen, keine Zeit
oder keine Lust gehabt haben, den entstellten, blutbefleckten Leib zu waschen,
bevor sie ihn in die frischen Linnentücher hüllten. Das Abwaschen der Leiche
war jüdische Sitte und galt also so wichtig, daß es sogar am Sabbat gestattet
war“[237].
Diese beiden offensichtlich unvereinbaren Ansichten müssen hier wohl im Raum
stehen bleiben, da ich selbst keine Expertin in Sachen jüdischer
Begräbnissitten bin. Doch da es sich
bei Bulsts Arbeit um ein Werk neueren Datums handelt, bin ich geneigt, seiner
Hypothese des „Sonderbrauches“ Glauben zu schenken, in der Annahme, daß seit
Erscheinen von Blinzlers Werk einiges an Forschungsarbeit in dieser Richtung
geleistet wurde. Gruber und Kersten haben für das offensichtliche
Nichtabwaschen des Leichnams eine ganz andere Erklärung parat; darauf wird im
Zusammenhang mit ihrer recht eigenwilligen Bibelauslegung noch eingegangen.
Zur
Menge der Aromata ist zu sagen, daß auch diese den Exegeten manche Frage
aufgibt, bei Dirnbeck heißt es etwas salopp: „Bei dieser Menge hätte der tote
Jesus eine Badewanne als Sarg gebraucht. Er wäre geschwommen in den
Spezereien...“[238].
Soll heißen: diese Menge klingt so unglaublich, daß dies wohl nur ein weiterer
Beweis gegen die Historizität der Grablegungsberichte in den Evangelien sein
kann. Bulst bemüht hingegen die neuesten archäologischen Erkenntnisse, um diese
enorme Menge zu erklären. Man habe in Felsengräbern in Jerusalem und Galiläa
aus der Zeit zwischen dem 9.Jahrhundert vor und dem 4.Jahrhundert nach Chr. an
den Wänden einen harzigen Überzug gefunden, vermutlich Aloe und Myrrhe. „Es
wäre denkbar, daß Felsengräber damit präpariert wurden; ein „neues“ Grab würde
auch die Menge erklären“[239].
Doch, wie so oft, endgültige Klarheit bringt auch diese mögliche Annahme nicht
in die Textstellen.
Eine
weitere (wenn auch sehr gewagte) Überlegung bringen die oben erwähnten Autoren
Kersten und Gruber ein. Ihrer Ansicht nach „kann kein Zweifel daran bestehen,
daß Nikodemus eine unglaubliche Menge an hochspezifischen Heilkräutern
herbeigeschafft hatte, die allein dem Zweck dienen sollten, die Wunden auf dem
Körper Jesu zu behandeln. Zu keinem anderen Gebrauch wären diese Spezereien von
Nutzen gewesen. Es dämmert die Gewißheit, daß die geheime Schreibweise des
Johannes dem aufmerksamen Leser ein ungeheures Geschehen offenbaren sollte, das
er vor den Augen des Unkundigen zu verbergen suchte: Jesus sollte gar nicht
bestattet werden, denn er war nicht am Kreuz gestorben“[240].
An
diesem Punkt kommt man wohl nicht umhin, genauer darzulegen, wie die Autoren zu
diesem gelinde gesagt „unkonventionellen“ Schluß kommen, der aber gleichwohl in
einer Traditionslinie der
Grabtuchforschung steht. Auch der etwas obskure Kurt Berna alias Hans Naber[241]
und ebenso der Theologe Karl Herbst[242],
um nur zwei Beispiele zu nennen, vertreten die hier geäußerte Ansicht. Und
obwohl uns dies auf den ersten Blick vom Thema der Exegese weg- und in den Bereich
der Spekulation hinführt - was ja beim Thema Grabtuch eigentlich nichts
Ungewöhnliches ist - erscheint mir diese Theorie doch interessant genug, um sie
hier ebenfalls vorzustellen. Meine Ansicht über die Plausibilität dieser
Theorie möchte ich ans Ende dieses Abschnittes stellen.
Diese
Theorie, daß Jesus seine eigene Kreuzigung überlebt hätte, entwickeln Kersten
und Gruber in ihrem Buch „Das Jesus-Komplott“[243]
und greifen es (mit einigen Abänderungen und Erweiterungen; vieles wurde jedoch
ziemlich wortwörtlich aus dem ersten Buch übernommen) in ihrem Folgewerk mit
dem vielsagenden Titel „Jesus starb nicht am Kreuz“[244]
wieder auf.
Ausgehend
von der Tatsache, daß sich in der Bibel selbst offensichtlich widersprüchliche
Versionen von Jesu Tod und Begräbnis finden, kommen die Autoren zu dem Schluß,
daß hier wohl etwas „nicht mit rechten Dingen zugehen könne“, um es salopp zu
formulieren. Wie die anderen Exegeten auch schenken sie dem Johannesevangelium
besondere Aufmerksamkeit und glauben in ihm zwei „Schreibweisen“ entdecken zu
können: „[...] mit einer oberflächlichen Leseweise für das Volk und mit den
feinen, immer wieder deutlich eingestreuten Hinweisen für jene, die zwischen
den Zeilen zu lesen wissen“[245]. Einleitend weisen die Autoren auf die
Tatsache, daß Jesus der Sekte der Essener nahegestanden sei, hin und betonen
gleichfalls, daß in der Bibel „die Absicht [...], den Einfluß der Sekte auf
Jesu Lehre und Wirken bewußt zu verschleiern“[246]
zu erkennen sei, da diese im Neuen Testament trotz ihrer großen Bedeutung
niemals erwähnt würden. Aufgrund der Funde von Qumran im Jahre 1947 könne man -
obwohl unser Wissen bruchstückhaft bleibe - klar erkennen, wie ähnlich
theologische Themen und religiöse Institutionen der Essener denen der Christen
seien. So hätten auch sie die Lebensart der Gütergemeinschaft und der
Ehelosigkeit propagiert. Außerdem habe sich Jesus nicht durch Weissagungen,
sondern durch seine Wunderheilungen - die auch die Essener „beherrschten“
- legitimiert. Wichtig sei auch die
Tatsache, daß sich die Essener durch das Tragen weißer Kleidung abzuheben
versuchten. Trotzdem müßten auch die Unterschiede hervorgehoben werden. „Jesu
Auftreten und Lehre ist als Erneuerungsbewegung auf der Grundlage des
Essenertums zu verstehen“[247],
dies werde besonders deutlich im Punkt der Feindesliebe, die den Essenern fremd
gewesen sei.
An
diesem Punkt kehren die Autoren zum vermeintlichen Tod Jesu am Kreuz zurück,
den sie mit folgenden Argumenten als „fake“ zu entlarven glauben:
bekanntlicherweise galt die Kreuzigung als schlimmste aller Hinrichtungsarten,
weil sie die Leiden des Sterbenden oft Tage andauern ließ. Deshalb sei es doch
mehr als ungewöhnlich, daß Jesus - im Gegensatz zu den ebenfalls zur gleichen
Zeit hingerichteten Verbrechern - bereits nach nur wenigen Stunden verstarb;
laut Evangelienberichten wurde er um 12 Uhr mittags ans Kreuz genagelt und
verstarb bereits um 15 Uhr desselben Tages. Besonders wenn man sein Alter und
seine robuste Konstitution (so wie es die Abdrücke auf dem TG erkennen lassen)
in Betracht ziehe, sei dies recht ungewöhnlich. Das Argument, daß die vorher
stattgefundene Auspeitschung ihn sosehr geschwächt haben könnte, wollen die
Autoren nicht gelten lassen, da diese Art der Folter quasi zum
„Standardprogramm“ einer Kreuzigung dazugehöre und somit auch an den anderen
Hingerichteten vollzogen worden sei. Gerade um einen zu raschen Tod zu
vermeiden, wurde unter den Füßen noch häufig ein Querholz angebracht, durch den
sich die Opfer immer wieder aufrichten konnten, um so ihren Tod noch länger hinauszuzögern.
Deshalb wurden auch den beiden gekreuzigten Verbrechern die Schenkel
zerschlagen, um ihnen das Aufrichten nicht mehr zu ermöglichen und ihren Tod
schneller herbeizuführen, da ja der Sabbat nahte und man die Leichen vorher
abnehmen mußte. Jesus wurden die Schenkel aber nicht zerschlagen, da man ihn ja
bereits tot glaubte. Trotzdem schien auch Pilatus seine Zweifel an der
Wahrhaftigkeit von Jesu raschem Tod gehabt zu haben, denn er sandte ja den
Hauptmann, um diese Tatsache zu überprüfen. Dieser Hauptmann nun sei aber der
gleiche gewesen, der später Jesus als wahren Sohn Gottes pries. Kersten und
Gruber glauben in ihm einen geheimen Anhänger Jesu zu erkennen, durch dessen
Mithilfe (er führte den Lanzenstich aus und reichte Jesus den Trank) das Überleben
Jesu gesichert werden konnte. Der Lanzenstich einerseits und der „wunderbare
Trank“[248]
andererseits seien zwei weitere Beweise für diese Annahme. Ersterer sei bei
genauerem Studium des griechischen Bibeltextes vielmehr als ein bloßes
„leichtes Ritzen, Punktieren oder Anstechen der Haut, kein [...] Stoß mit
voller Kraft [...]“[249]
zu verstehen. Gewissermaßen sei dieser Stich quasi als Bestätigung des
eingetretenen Todes zu sehen und nicht als „Todesstoß“ gedacht. Problematisch
sei für die meisten Exegeten die Vorstellung von „Blut und Wasser“, das aus der
Wunde ausgetreten sei. Während es sich für die einen um ein Wunder handele -
bei einem Toten gäbe es ja keinen Blutkreislauf mehr, folglich könne auch kein
Blut mehr austreten -, würden die anderen versuchen, diese Aussage symbolisch
zu deuten. Für Kersten und Gruber ist diese Aussage jedoch wieder ein
deutliches Zeichen dafür, „daß Jesus in Wahrheit noch lebte“[250].
Der eben erwähnte Trank, der Jesus von besagtem Hauptmann auf einem Schwamm
gereicht wurde, sei in Wahrheit nicht Essig gewesen, sondern es „liegt nahe, zu
vermuten, daß der Trank aus einem sauren Wein bestand, dem eine gehörige
Portion Opium beigegeben wurde“[251].
Dies würde auch erklären, warum er mit einem Schrei auf den Lippen „verstarb“.
Es sei ja inzwischen bewiesen, daß bei der Kreuzigung der Tod durch Erstickung
eintrat und er in diesem Zustand, wäre er wirklich dem Tode nahe gewesen,
eigentlich höchstens noch flüstern oder röcheln hätte können. Der Trank habe
jedoch narkotisierende und schmerzstillende Wirkung besessen und ihn so, den
Schrei ermöglichend, in die Bewußtlosigkeit abgleiten lassen.
Und nun
hätten Joseph von Arimathäa und Nikodemus sich beeilt, Jesus vom Kreuz
abzunehmen und ihn in das vorbereitete Felsengrab zu legen. „In der Abgeschlossenheit
des Grabbaus wurde die Heilung Jesu auf der Mittelbank vorbereitet“[252].
Nun hätten sie über den Sabbat Zeit gehabt, um Jesus soweit
„wiederherzustellen“, daß er aus dem Grab weggebracht werden konnte, um
möglichen Ärger mit den jüdischen Behörden zu vermeiden. Die Eile, die geboten
war, könne erklären, warum das Grab leer und der Stein weggerollt vorgefunden
wurde. Es seien auch hier seine Freunde aus dem Kreis der Essener - die
strahlend weißen Gewänder weisen darauf hin -
involviert gewesen. Weitere Details in Zusammenhang mit der
„Auferstehung/Auferweckung“ können bei Gruber/Kersten nachgelesen werden, aber
es würde zu weit führen, dies alles hier darzulegen. Es sei nur soviel gesagt,
daß nach Auffassung der Autoren, Jesus also seine Kreuzigung überlebt habe und
sich dann nach seinem „Scheintod“ immer wieder kurz und unter strenger
Geheimhaltung seinen Jüngern gezeigt habe; für sie sind also diese
„Erscheinungen“ durchwegs real und haben nichts mit irgendwelchen
„Geisterwesen“ zu tun, noch können sie als Beweis für die Auferstehung (im
traditionellen Sinne) gesehen werden.
Im
folgenden widmen sich die Autoren der Problematik der zum „Begräbnis“
verwendeten, bzw. im Grab aufgefundenen Tücher. Da sich ihre Ansichten jedoch
hier wieder mit denen der anderen Autoren überschneiden, bzw. manchmal sogar
decken, wird darauf gemeinsam im folgenden Abschnitt eingegangen.
An
dieser Stelle möchte ich noch einen kurzen eigenen Kommentar betreffend die
Glaubwürdigkeit dieser Theorie abgeben. Ich muß gestehen, daß mir die Idee, daß
Jesus seine Kreuzigung überlebt haben könnte, zuerst doch sehr obskur
erschienen ist, andererseits sind waghalsige Theorien im Zusammenhang mit dem
TG ja wiederum nichts ungewöhnliches, man denke nur an Ian Wilson. Und die
Unstimmigkeiten in den Berichten der Bibel sind ja nicht von der Hand zu weisen
und laden daher zu allen möglichen Spekulationen ein. Und so unsinnig
erscheinen mir zum Beispiel ihre Beobachtungen im Bezug auf die Plausibilität
von Jesu allzu raschem Kreuzestod nicht.
Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, kann ich jedoch nicht immer
nachvollziehen. Vor allem bleibt es für mich zu sehr im dunkeln, wie denn Jesus
weiteres Leben, wenn es denn stattgefunden hat, aussah. Zwar findet sich bei
Karl Herbst eine Art hypothetischer Rekonstruktion seines weiteren Lebensweges[253],
Gruber und Kersten jedoch geben dem Leser in ihrem Werk keine Hinweise auf
seinen Verbleib. In anderen Büchern des Autors Kersten entwickelt dieser jedoch
die Idee, Jesus sei nach Indien ausgewandert[254].
Es wird jedoch nicht verwundern, daß diese Theorie unter den ernstzunehmenden
Bibelwissenschaftlern nicht allzu viel Zustimmung erfahren hat. Leider werden
mit solcherart obskuren Ansichten durchaus brauchbare und überlegenswert
erscheinende Denkansätze ins Zwielicht gebracht.
Wie
bereits mehrfach angedeutet wurde, steht die exegetische Forschung vor einem
weiteren, und zwar einem philologischen Problem: die Bezeichnung für das Tuch,
bzw. die Tücher und auch die Art der „Einwickelung“ des Leichnams sind alles
andere als eindeutig und können daher, so erscheint es zumindest mir, zur
Untermauerung der persönlichen Überzeugung des betreffenden Grabtuchforschers
in die für ihn passende Richtung interpretiert werden.
So
bezeichnen die von den Synoptikern verwendeten Verben eneiléo (Mk) und entylísso
(Mt und Lk) verschiedene Arten des Verhüllens oder des Einwickelns[255].
Wie bereits gezeigt, interpretiert Blinzler diese in die Richtung, daß Jesus
bandagiert worden sei und bringt als „Vergleichsobjekt“ Lazarus, dem aber, laut
Bulst lediglich Füße und Hände gebunden worden seien. Bei Jesus sei aber damit
sicher nicht „einwickeln“, sondern lediglich „verhüllen“ gemeint. Das Tuch
selbst wird in den drei Synoptikern als sindon
bezeichnet. „Die meisten Bibelübersetzer, auch die neue deutsche
Einheitsübersetzung, verstehen darunter ein großes Leinentuch“[256],
das sowohl als Kleidungsstück wie auch als Decke oder eben als Leichentuch
Verwendung finden konnte. Die im Johannesevangelium verwendeten Begriffe othónia und sudárion sind schwierig in der Hinsicht, da sie augenscheinlich
etwas anderes bezeichnen als die sindón
der Synoptiker. Allein schon die Tatsache, daß es sich um zwei Tücher
verschiedener Größe und Verwendungsart handelt, bereitet den Exegeten
Kopfzerbrechen und führt folglich - wieder einmal - zu unterschiedlichen
Interpretationen. Laut Bulst ist othónia
„[...] ein vieldeutiges Wort. Es kann „Binden“ bedeuten, vor allem in
ärztlicher Sprache. Es kann aber auch alles aus Leinwand Gefertigte meinen.
[...] So versteht sich, daß manche Schrifterklärer, von Augustinus angefangen
[...], diese othónia mit der sindón der synoptischen Evangelien
gleichsetzen“[257]. Doch
diese Gleichsetzung sei wohl nicht zielführend, da othónia in Verbindung mit dem Verb deo niemals „einhüllen“, sondern nur „binden“ bedeuten könne. Hier
liegt Bulst mit seiner Interpretation nun recht nahe der Blinzler´schen
Sichtweise, der den Leichnam ja mit Binden gebunden sehen will. Bulst Erklärung
ist hier aber nicht eindeutig: sind jetzt mit „gebunden“ nur die Hände und Füße
gemeint? Wenn man seiner Theorie von der bloßen Einhüllung des Körpers folgt,
muß man davon ausgehen, daß nicht der ganze Körper gebunden war, sonst würde er
ja völlig entgegen seiner Theorie argumentieren. Man sollte also wahrscheinlich
annehmen, daß es sich nur um die Bindung von Händen und Füßen handelte.
Das
Wort sudárion (=Schweißtuch) sei auch
„nicht so eindeutig, wie man zunächst meinen möchte“[258].
Erstens sei man sich über die Größe dieses Tuches (die Vermutungen reichen von
der Größe einer Serviette bis hin zu den Ausmaßen eines Schultertuches) nicht
einig. Das führte dazu, daß einige Forscher in diesem sudarión die sindón
Synoptiker zu entdecken glaubten. Das sei aber, laut Bulst, eine unrichtige
Schlußfolgerung, da aus dem Textzusammenhang eindeutig klar werde, daß dieses
Tuch in irgendeiner Weise „um das Gesicht herumgebunden wurde“. In welcher
Weise es nun genau Verwendung fand, ist jedoch nicht so eindeutig zu sagen,
bedeckte es nur locker das Gesicht, wurde das Gesicht damit verbunden oder
benutzte man es als „Kinnbinde“? Laut Bulst „gibt der Sinn des Zeitworts déo ein eindeutiges Bild: Die erste
Verrichtung am Toten war, ihm „das Kinn zu binden“, damit der Mund geschlossen
blieb“[259]. Folgt man
den Ausführungen Blinzlers, sind drei verschiedene Lösungen mehr oder weniger
möglich: „Die einen nehmen an, das Schweißtuch sei zusammengefaltet auf den
Scheitel des Toten gelegt worden [...]. Zweck und Sinn dieser merkwürdigen
Tuchverwendung bleiben unerklärt [...]. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die
Kinntuch-Hypothese. Danach soll das Sudarium als Kinntuch oder Kinnbinde (mentonnière) gedient haben, um den Mund
des Toten geschlossen zu halten [...]. Aber der Wortlaut bei Joh ist dieser Auffassung
nicht günstig. In 11,44 läßt die Erwähnung des Gesichtes (opsis) schwerlich eine andere Deutung zu als die, daß durch das
Sudarium das Gesicht verhüllt wurde“[260].
Beide Autoren glauben also anhand der Bibeltexte eine eindeutige Interpretation
vorlegen zu können. Da diese jedoch völlig unterschiedlich ausfallen, sieht
sich der Leser in der mißlichen Lage „so klug als wie zuvor“ zu sein. Generell
läßt sich aber sagen, daß die Befürworter der Echtheit eher dazu neigen, der
„Kinntuch-Hypothese“ den Vorrang zu geben. Eine Ausnahme bilden hier Kersten
und Gruber, für diese ist die Kinnbinde „eines jener eigenartigen Phantome,
die, entsprechend einer Lieblingshypothese, in das Abbild hineingelegt werden“[261].
Für sie ist es eindeutig, daß „Jesu Haupt [...] von einem Sudarium nicht
umgebunden, sondern vielmehr „eingehüllt“ (entetyligmenon)
gewesen [sei]. Ja mehr noch, er [Johannes, Anm.d.Verf.] erwähnt mit aller
Deutlichkeit, daß das Tuch „auf/über den Kopf gelegt“ (epi tes kephales) war, wohl um alle anderen Möglichkeiten
auszuschließen, speziell eine Umwicklung“[262].
Wie dem
auch sei, diese detaillierten Ausführungen zum philologischen Problem der
Exegese sollen noch einmal verdeutlichen, wie schwierig es ist, zu einer
eindeutigen Interpretation im Zusammenhang mit dem Grabtuch zu finden. Zu viele
Dinge bleiben im unklaren „vielleicht“ und obwohl die meisten Sindonologen ihre
eigene Ansicht mit Vehemenz vertreten, hat die Gegenseite meist ebenso - mehr oder weniger - plausible Argumente,
um ihren eigenen Standpunkt zu verteidigen.
Dieser
Titel mag innerhalb dieses Kapitels, bei dem es doch um die mögliche
Rekonstruktion der Geschichte des TG vor dem 14.Jahrhundert geht, etwas
eigenartig erscheinen. Doch eine der Säulen, auf die sich diese Theorien
stützen, ist eben dieser kunstgeschichtliche Ansatz, wie bereits bei Wilsons
Mandylion-Theorie mehrfach angedeutet wurde.
Grundlegende
Forschungsarbeiten haben vor allem Paul Vignon, Maurus Green, Edward Wuenschel,
Werner Bulst und Ian Wilson in diesem Bereich geleistet. Ihre Ergebnisse
erwiesen sich anscheinend als sehr überzeugend - im Kreise der
Grabtuchbefürworter- und daher findet sich mittlerweile in praktisch jedem
Standardwerk zum TG ein Kapitel zum Thema Kunstgeschichte und TG.
Doch
worum geht es jetzt bei diesem Erklärungsansatz genau? Ziel ist es, anhand von
Christusporträts, die es ja zuhauf gibt, die Existenz des TG vor dem 14.
Jahrhundert zu beweisen. Davon ausgehend, daß das TG quasi als Vorlage für die
vielen Christusbilder, die ja eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit dem Abbild
auf dem TG aufweisen, gedient habe, gilt dabei besonderes Augenmerk den Veränderungen, die dieses Christusbild
im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat.
Werner
Bulst stellt an den Anfang seiner Ausführungen eine kurze Zusammenfassung
dieser Theorie, die ich wegen ihrer Prägnanz hier wiedergeben will:
„- Das
Antlitz auf dem Turiner Grabtuch wird von jedermann, der es zum erstenmal sieht,
sofort als Christusbild erkannt. Unter den zahllosen echten Porträts, die aus
der Antike erhalten sind, ist es unverwechselbar.
- Die
Übereinstimmungen des „klassischen“ Christusbildes in einigen
charakteristischen Eigenschaften - der Bärtigkeit und dem schulterlangen, in
der Mitte gescheitelten Haar - mit dem Antlitz auf dem Turiner Tuch ist derart,
daß an einer Abhängigkeit nicht zu zweifeln ist.
- Das
Turiner Tuchbild ist kein Kunstwerk, sondern ein Leichentuch. Es kann also
nicht von einer Kunstauffassung abhängen.
- Die
offensichtliche Abhängigkeit muß also umgekehrt sein: Das Christusbild in der
Kunst muß, wie auch immer, letztlich
auf dieses Tuchbild zurückgehen“[263].
Und um
dies zu beweisen, analysiert Bulst zuerst die Christusbilder der vorkonstantinischen
Zeit. Das ist nicht unbedingt ein einfaches Unterfangen, da in dieser frühen
Zeit Bildnisse Christi durchwegs abgelehnt wurden, „dennoch gab es schon früh
Christusbilder, so in häretischen oder synkretistischen Kreisen [...]“[264].
Erhalten sind uns in der westlichen Kirche vor allem Bildnisse in Katakomben,
hier besonders in Rom, aber auch Neapel.
Wie
sieht nun der Christus der vorkonstantinischen Zeit aus?
|
Abb. 20: Szene des Junius-Bassus |
Wie auf
Abb. 20 ersichtlich ist, hat dieses Abbild wenig mit dem gemein, was wir uns
heute unter einem Christusbild vorstellen. Sie „zeigen Christus jugendlich, mit
kurzem Haar, bartlos. Jugendlichkeit als Symbol seiner Gottheit“[265].
Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Bilder von Christus als dem Guten Hirten.
Generell ist zu sagen, daß die Bilder dieser Zeit nicht als wirkliche Porträts
zu sehen sind, vielmehr symbolhaften Charakter haben, also das gerade die
Jugendlichkeit in den Darstellungen als Zeichen seiner Gottheit gewertet wurde.
Mit der
Zeit Konstantins im 4. Jahrhundert beginnt sich eine Wende in der Art der
Christusporträts abzuzeichnen, diese erscheinen nun mehr ein „echtes“ Abbild
Christi sein zu wollen und weisen bereits die Merkmale des uns bekannten
Christusbildes auf: „Bärtig und mit schulterlangem, in der Mitte gescheiteltem,
glattem oder nur wenig gewelltem Haar, schon früh als Brustbild und als
Rundschildbild, typische Formen des römischen Porträts. Dieses Bild wird in
verhältnismäßig kurzer Zeit zum „klassischen“ Christusbild“[266].
Trotzdem bestanden noch weiterhin die alten „bartlosen“ Christusbilder neben
den neuen Porträts. Während das „alte junge“ Jesusbild vor allem in Heilungs-
und Wunderszenen Anwendung findet, wird Jesus in Passionsszenen nun bärtig
dargestellt. Beispielhaft für die neue Form sind wiederum Darstellungen in den
römischen Katakomben. Bulst weist nun
mit Nachdruck darauf hin, daß in diesen Bildern eine Übereinstimmung mit den
wesentlichen Bildmerkmalen des TG gegeben ist. Also das in der Mitte
gescheitelte, gering gewellte schulterlange Haar und der volle Bart. „Diese
Übereinstimmung ist um so auffallender, als es unter den unzähligen echten
römischen Porträts nichts auch nur entferntes Vergleichbares gibt“[267].
Es sei natürlich auszuschließen, daß diese Porträts direkt nach dem Vorbild des
TG entstanden seien, vielmehr handelt es sich um eine Abhängigkeit vom ersten
Christusbild dieses Typs, welches sich in der Apsis der Laterankirche befindet.

Abb. 21: Christusbild in der Apsis der Lateranbasilika.
Das
Original ist nicht mehr erhalten, lediglich die Wiederherstellung durch Papst
Nikolaus IV. (1288-92).
Welcher
Zusammenhang besteht aber nun - laut Bulst - zwischen dem TG und diesen
neuartigen Christusbildern? Seiner Meinung nach wäre es möglich, davon
auszugehen, daß sich Kaiser Konstantin selbst im Besitz des Grabtuches befunden
habe oder es zumindest gesehen haben mußte. „Es kommt ein weiterer
bedeutungsvoller Umstand ins Spiel: Seit der Zeit Konstantins kommen die
wichtigsten Christusreliquien [...] in kaiserlichen Besitz. [...] Es kann
demnach damit gerechnet werden, daß auch das Tuch mit dem Bild Christi in den
Besitz des Kaisers kam“[268].
Bulst
geht aber noch einen Schritt weiter, indem er im Labarum, dem Feldzeichen Konstantins, das Grabtuch vermutet.
Obwohl uns dies wieder etwas vom Thema
„Christusbilder in der Kunst“ wegführt, soll diese Überlegung hier
eingebracht werden, denn sie ist wiederum Teil der diesem Kapitel
übergeordneten Diskussion um den Verbleib des TG vor dem 14. Jahrhundert. Was
hat man sich nun unter diesem Begriff Labarum
eigentlich vorzustellen? „Es war ein goldüberzogener Lanzenschaft, der eine
Querstange und, wie Eusebius betont, damit Kreuzform hatte. Ganz oben war in
goldenem Kranz das Monogramm Christi angebracht“[269].
Über dieser Querstange hing nun ein Tuch, welches das Interesse Bulsts
herausfordert. Es wird in der „Vita Constantini“ von Eusebius ausführlich
beschrieben, es soll ein überaus beeindruckender Anblick gewesen sein, mit
Edelsteinen verziert. Dies paßt aber nun gar nicht zu dem Bild, das wir vom TG
haben. Doch Bulst hat auch dafür eine Erklärung: „Selbstverständlich kann das
Prunktuch nicht selbst das Grabtuch gewesen sein. Denkbar wäre aber, daß es
dieses verhüllte“[270].
Er meint also, daß das Tuch einmal gefaltet wurde und dann über die Querstange
des Labarum gehängt wurde. Die
Existenz zweier Tücher - eines Prunktuches und des darunterliegenden „echten“
Tuches - glaubt Bulst dadurch bestätigt zu sehen, daß Konstantin in dem Labarum ein Symbol der Unsterblichkeit
und ein Zeichen des Sieges über den Tod sah. Dies könne nur durch die „Anwesenheit“
des Grabtuchs zu erklären sein, außerdem habe Konstantin 50 Mann als Bewachung
für das Labarum eingesetzt, es mußte
also schon etwas Besonderes darstellen. Nun könnte man argumentieren, daß ja
ein so reich mit Edelsteinen besetztes Prunktuch allein schon wertvoll genug
sein müßte, um eine solche Bewachung zu rechtfertigen. Dennoch mußte es sich
Bulsts Auffassung nach um etwas sehr „Heiliges“, also wertvolles nicht im
materiellen Sinn, gehandelt haben. Mit der Verlegung der Reichshauptstadt nach Konstantinopel kam auch das Labarum in diese Stadt und wurde dort
wahrscheinlich im Palast aufbewahrt. Ist diese Annahme schon historisch nicht
ganz abgesichert, so erscheint die folgende Geschichte des Labarum, bzw. des Tuches noch spekulativer. Als Konstantins Neffe
Julian (361-63) eine Restauration des Heidentums versucht, scheint das „echte“
Tuch des Labarum verschwunden zu
sein, zumindest wird es in den historischen Quellen nicht mehr erwähnt, „das
dürfte der historische Augenblick gewesen sein, in dem „beherzte und
gottesfürchtige Männer“ aus der Labarumgarde, ihrer Pflicht gemäß, das - nach
unserer Hypothese - eigentliche Heiligtum, das Tuch mit dem Bild Christi, in
Sicherheit brachten“[271].
Als in Frage kommenden Zufluchtsort nennt Bulst Edessa, eine christliche Stadt,
die - so sei es angeblich bezeugt - Julian haßte. „Als sicherstes Versteck in
so kritischer Lage kamen innerhalb der Stadt Befestigungsanlagen in Betracht,
die selbstverständlich nur für das Militär zugänglich waren“[272].
Seiner Meinung nach konnte, bzw. mußte das Tuch dann dort beinahe 200 Jahre
verborgen bleiben, da die Stadtbevölkerung zwar christlich, aber in
Monophysiten und Nestorianer gespalten war. Und letztere lehnten eine
Bilderverehrung ab.
An
diesem Punkt überschneiden sich - zum ersten, aber nicht zu letzten Mal - die
Theorien von Bulst und Wilson. Auch wenn Wilson für das TG in den ersten
Jahrhunderten eine andere Route vermutet (vgl. „Ian Wilsons Mandylion-Theorie“)
„treffen“ sich beide in Edessa wieder. Am Ende seiner Ausführungen zum Labarum betont Bulst noch einmal den
rein hypothetischen Charakter seiner Annahme und meint aber gleichzeitig
relativierend: „Es hätte aber, wie vorher dargelegt, alles in ähnlicher Weise
verlaufen können, wenn Papst Silvester das Tuch, und dann sicher in einem
seiner Einzigartigkeit entsprechenden Behältnis, dem Kaiser übergeben hätte,
der es bei Verlegung der Hauptstadt mit nach Konstantinopel genommen hätte.
Auch unter dieser Voraussetzung hätten es verantwortungsbewußte Christen vom
kaiserlichen Hof in Sicherheit bringen können“[273].
Es sei also nicht so entscheidend, auf welchem Weg das TG zu Konstantin, bzw.
nach Edessa kam, sondern daß es
überhaupt dorthin gelangen konnte, weil es eben schon zu jener Zeit existierte.
Weiters ist es für Bulst im Zusammenhang mit den hier besprochenen
kunstgeschichtlichen Aspekten entscheidend, daß während der Zeit Konstantins
sich dieser neue Bildnistyp durchsetzte und für ihn dies als untrügliches
Zeichen zu werten ist, daß in dieser Zeit das TG zumindest einigen „Eingeweihten“
bekannt war und direkt oder indirekt als Vorlage für die nun entstehenden
Christusporträts diente.
Als
nächsten Schritt in der „Beweisführung“ werden die Christusbilder, die im Osten
entstanden sind, ins Treffen geführt und analysiert. Hier besteht natürlich ein
Zusammenhang zu den Bildern aus konstantinischer Zeit, vor allem, wenn
angenommen wird, daß das Tuch sich in Edessa befunden habe. Hier ist leider nur
wenig erhalten geblieben aufgrund der heftigen Bilderstreitigkeiten. Wichtig
sind diese Bilder - die meisten, die uns noch erhalten geblieben sind, stammen
aus der Zeit Justinians I. (527-65) -, da sie eine noch größere Ähnlichkeit zum
Bild auf dem TG aufweisen, als es die konstantinischen Bilder taten. Dies geht
soweit, daß sogar Asymmetrien des Gesichtes, die am TG vorhanden sind, sich
auch in diesen Ikonen wiederfinden. Daß dies natürlich Wind in den Segeln der
Grabtuchbefürworter ist, versteht sich von selbst. Deshalb wurden gerade diese
östlichen Ikonen von vielen Forschern genauer unter die Lupe genommen.
Der
Klarheit halber sei hier an dieser Stelle eine Zeichnung, die alle die Merkmale
des TG, die sich auch bei den Ikonen wiederfinden, gestellt; daneben (bzw. im
Anschluß daran) einige Beispiele solcher Ikonen. So soll es dem interessierten
Leser selbst möglich sein, diese Parallelen zu entdecken.

Abb. 22: Die Markierungen bezeichnen folgende Merkmale:
1.) Ein Querstreifen auf der Stirn, 2.) Das dreiseitige
„Quadrat“ auf der Stirn, 3.) Eine V-Form auf der Nasenwurzel, 4.) Eine zweite
V-Form innerhalb des unter 2.) genannten Zeichens, 5.) Eine hochgezogene rechte
Augenbraue, 6.) Eine geschwollene linke Wange, 7.) Eine geschwollene rechte
Wange, 8.) Ein vergrößerter linker Nasenflügel, 9.) Eine Schwellung zwischen
Nase und Oberlippe, 10.) Eine starke Linie unter der Unterlippe, 11.) Eine
unbehaarte Zone zwischen Lippe und Bart, 12.) Der geteilte Bart, 13.) Ein
Querstrich über dem Hals, 14.) Stark geschwollene eulenhafte Augen, 15.) Zwei
lose Haarsträhnen, vom Apex der Stirn herabfallend.
Diese
Elemente sind nicht immer alle gleichzeitig in allen Bildern vertreten, aber
„es ist sogar möglich, Statistiken über das Vorkommen dieser Charakteristika in
Kunstwerken zu erstellen“[274]
und z.B. in Bild A und D finden sich schon 13 der oben erwähnten Merkmale.

Abb. 23 : Vier Christusikonen im Vergleich
A. Christus Pantokrator, Mosaik (Ausschnitt),
Kuppel in der Kirche von Daphni.
B. Christus der Erbarmer (Ausschnitt), portable
Ikone in Mosaik, ehemals Staatliches Museum, Berlin.
C. Der Thronende Christus. Mosaik (Ausschnitt),
Narthex von Hagia Sophia, Konstantinopel.
D. Der Thronende Christus. Fresko (Ausschnitt),
Kirche von Sant´ Angelo in Formis, Italien.
Es ist
unschwer sich vorzustellen, welche Schlüsse nun die Befürworter der Echtheit
aus diesen Ergebnissen ziehen. „Es ist wohl wahrscheinlich, daß ein unbekannter
Künstler von dem Grabtuch-Antlitz sorgfältig eine Zeichnung herstellte -
gewissermaßen nach dem Leben. Er studierte sorgfältig Zug um Zug und
komponierte sie in ein lebendiges Gesicht, wobei er viele der
Eigentümlichkeiten des Grabtuches anhäufte, die verstehen zu können er keine
Hoffnung haben konnte“[275].
Neben
diesen porträtartigen Christusbildern kamen im 11. bzw. 12. Jahrhundert
neuartige Grablegungsszenen auf. Diese werden ebenfalls in Verbindung gebracht
mit dem TG, da sie den Leichnam Christi in gleicher Position zeigen wie am TG.
Das älteste Exemplar dieser Gattung (aus dem Jahr 1164) findet sich in der
Kirche des hl. Panteleimon in Nerezi bei Skopje. Es zeigt Jesus in ähnlicher
Position wie auf dem TG, außerdem soll das mit Rautenmustern verzierte Grabtuch
auf die besondere Webart des TG hinweisen. Die wichtigste dieser Darstellungen
stammt aus einer Handschrift in Budapest, dem Codex Pray, welcher eindeutig aus
den Jahren 1192-95 datiert ist. Es handelt sich dabei um die Darstellung der
Salbung Jesu und des offenen Grabes.
|
Abb.
24: Codex Pray
(Budapest 1192/95). |
Was
laut Wilson und Bulst auf eine Verbindung zum TG hinweist sind folgende Punkte:
„die Lage des Leichnams; die völlige Nacktheit (einmalig!); die Haltung der
Arme und Hände, vor allem die fehlenden Daumen (wie auf dem TG), die auf den
meisten Kopien ergänzt sind. Auf dem unteren Bild soll offenbar die
ungewöhnliche Gewebestruktur des TG wiedergegeben werden. [...] Entscheidend für
die Datierung des TG ist, daß die älteren Brandlöcher auf der oberen Tuchhälfte
in gleicher Anordnung wie auf dem TG wiedergegeben sind“[276].
Denn diese sind bereits auf der Kopie von 1516 (Abb.4) von Albrecht Dürer
wiedergegeben, müssen also von vor 1532 stammen. „Daß dieses Bild gerade in
einem ungarischen Codex erscheint, erklärt sich daraus, daß die damalige
ungarische Königin eine byzantinische Prinzessin war. Es bestanden also damals
enge Beziehungen zwischen Byzanz und Ungarn“[277].
Betrachtet man die beiden Zeichnungen, erscheint es mir durchaus einleuchtend
in der oberen Zeichnung eine gewisse Nähe zum TG erkennen zu wollen, die
Interpretation des zweiten Bildes mit der Darstellung der besonderen Webart
weist aber meiner Meinung nach eher in Richtung Wunschdenken.
Die
Argumentationslinie zielt also daraufhin ab, daß das TG als Vorlage für das
„wahre Christusbild“ gedient haben muß; und auch wenn uns für viele
Jahrhunderte keine schriftliche Quelle von der Existenz des Grabtuches
berichtet, die Bilder würden für sich sprechen und somit den Betrachter von der
Echtheit des TG überzeugen.
Nein,
es war genau umgekehrt, wirft Josef Dirnbeck ein, um hier am Ende dieses
Kapitels einen Gegner der Echtheit zu Wort kommen zu lassen: „Das Turiner
Grabtuch wurde so gemacht, daß das Bild auf dem Tuch dem klassischen Kanon der
Ikonenmaler entspricht - wie denn auch anders?“[278]
Das TG sei also quasi die perfekte Krönung all dieser „Vorgängermodelle“, seien
es gemalte Ikonen oder auch die vielen angeblich „nicht von Hand gemachten“
Tücher. Seiner Meinung nach sei im Spätmittelalter der Wunsch der Gläubigen
nach der Verehrung einer Reliquie des „Schmerzenmannes“ so stark gewesen, daß
die Zeit einfach reif war für die „Herstellung“ eines solchen Tuches. Und man
solle nur das handwerkliche Können der Künstler jener Zeit nicht unterschätzen,
von wegen, man könne ja gewisse Details (der Kreuzigung, bzw. der Passion)
einfach nicht gewußt haben. Dirnbeck ist zwar auch davon überzeugt, daß es sich
bei dem TG nicht um ein Gemälde, sondern um den Abdruck eines echten Menschen
handelt, doch ob dieser nun wirklich Jesus war, das wagt er stark zu
bezweifeln.
Am Ende
dieses Kapitels wieder einige eigene Gedanken zu den hier präsentierten
Ergebnissen: zuerst muß ich sagen, es erscheint mir wieder einmal
bemerkenswert, mit welcher Akribie die Grabtuchbefürworter hier ans Werk gingen
und alle nur auffindbaren Christusporträts auf Ähnlichkeiten mit dem Grabtuch
hin zu untersuchen. Und ich muß gestehen, die Ergebnisse scheinen auf den
ersten Blick wirklich die Theorie von der Echtheit des TG zu untermauern. Doch
andererseits erscheint es mir auch etwas schwer verständlich, wie die Künstler,
welche diese Christusporträts nach dem Vorbild des TG fertigten, all die oben
erwähnten Details auf dem doch so blassen Abbild des Tuches erkennen konnten.
Ich schließe mich hier Dirnbecks Auffassung an, der sich wie folgt äußert:
„Wenn ich den Grabtuchapologeten Glauben schenken darf, dann haben diese Leute
damals sogar Details im Grabtuchbild gesehen, die ich persönlich selbst bei
Aufbietung der letzten Reserven meiner Phantasie nicht sehen kann“[279].
Und das obwohl sie in diesen Zeiten ja noch keine Ahnung haben konnten von dem
Negativcharakter, den das TG aufweist. Und ich wage zu behaupten, daß viele
Einzelheiten des TG uns erst heute eben durch die Fotografien erkennbar sind.
Somit könnte es schon stimmen, was Dirnbeck behauptet, daß nämlich die
„mittelalterlichen Fälscher“ des TG
sehr genau die Ikonen und anderen Christusporträts studiert hatten, um so ein wirklich
perfektes Grabtuchbild zu erhalten; und nicht umgekehrt. Ebenso denkt Dirnbeck
über die Darstellung Jesu und des Grabtuchs im oben erwähnten Codex Pray. Zu
den Brandlöchern bemerkt er folgendes: „Die Löcher, von denen übrigens niemand
mit Bestimmtheit sagen kann, was sie eigentlich bedeuten - sind es einfach
Brandspuren von einer heruntertropfenden Fackel, oder, wie man auch gemutmaßt
hat, Schürhakenspuren von einer „Feuerprobe“, der man das Tuch unterzogen hat?
-, diese Löcher haben zwar auf beiden Bildern die gleiche Form, aber ein
„Porträt“ des Turiner Grabtuches kann ich beim besten Willen nicht erkennen“[280].
Und für die angeblich so charakteristische Darstellung Jesu auf der ersten
Zeichnung hat er auch wieder eine einfache Erklärung parat: „Ich sehe es als
einen schönen Beweis dafür an, daß die Grabtuchapologeten goldrichtig liegen,
wenn sie annehmen, daß Ikonenmaler ihre Vorbilder ganz genau zu studieren
pflegten. Nur war es wieder einmal genau umgekehrt! Der Bildautor des Turiner
Grabtuchs, also unser anonymer Fälscher, wäre ein Dilettant gewesen, wenn er
nicht die Prototypen seines Grabtuchs ganz genau studiert hätte und deren
Charakteristika in sein Bild eingebracht hätte“[281].
Dieses
Argument lassen Grabtuchbefürworter wie Bulst natürlich nicht gelten, denn für
sie steht das Grabtuch außerhalb jeder Kunstauffassung - wie es ja bereits am
Anfang dieses Kapitels in einem Zitat von Bulst heißt - da es sich ja um ein
Leichentuch und nicht um ein Kunstwerk handle.
Wie dem
auch sei, in welchem Abhängigkeitsverhältnis nun Christusporträts und TG stehen
- das wird wohl nicht endgültig zu klären sein, zumindest nicht im Rahmen
dieser Arbeit -, es bleibt noch einmal festzuhalten, daß dies ein wirklich
interessanter Teilbereich der Diskussionen um das TG ist und ich hoffe, hier
auch das Interesse der Leser geweckt zu haben.
Betrachtet man die Fülle an
wissenschaftlicher Arbeit, welche die Erforschung des TG hervorgebracht hat,
erscheint es schwierig all dies in nur wenigen Sätzen zu komprimieren. Außerdem
sind die Forschungsarbeiten an diesem so heftig umstrittenen Objekt noch bei
weitem nicht abgeschlossen, es ergeben sich also immer wieder neue Perspektiven
und interessante Blickwinkel. Damit sind wir auch schon bei der Bedeutung des
Grabtuches für die Wissenschaft, wobei hier auch noch einmal unterschieden
werden muß zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften, hier
vor allem der Theologie. Beide versuchen zwar, an das TG als ein „ganz
normales“ Forschungsobjekt heranzugehen, aber nicht immer gelingt das.
Besonders dann, wenn eine Vermischung von naturwissenschaftlicher Beweisführung
mit religiösem Wunderglauben entsteht. Also, wenn nun mit allen Mitteln
versucht wird, naturwissenschaftliche Beweise für die Echtheit des TG zu
finden, nur um dann letztendlich doch auf ein „göttliches Wunder“ bei der
Entstehung des Abbildes auf dem TG verweisen zu müssen. Und wer daran nicht
glaube, sei halt kein guter Christ. So, oder so ähnlich kann man dies häufig
bei den leidenschaftlichen Verfechtern der Echtheit lesen. Meines Erachtens
sollte die Wissenschaft es nicht als ihre vordringliche Aufgabe sehen, etwas
„beweisen“ zu wollen, sondern lediglich mit den ihr zur Verfügung stehenden
Mitteln Ergebnisse zu sammeln und diese natürlich auch korrekt zu
interpretieren um sie dann der interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Das
Problem beim TG ist aber, daß anscheinend die Fronten zwischen den Verteidigern
der Echtheit und den Anhängern der Fälschungshypothese noch immer – oder schon
wieder – sehr verhärtet sind und es praktisch keine neutral ablaufenden
Diskussionen ohne Polemisierungen gibt. Ebenso wenig findet sich in der
Literatur eine Darstellung des „Falles TG“, die sich dem Thema einigermaßen
neutral und mit „wissenschaftlicher Entdeckerfreude“ nähert. Vielmehr sieht es
so aus, daß der jeweilige Autor bereits eine vorgefaßte Meinung hat und daher
nur die ihm genehmen Argumente vorbringt, während Einwände entweder ignoriert
oder für „unwissenschaftlich“ befunden werden. Es bleibt zu hoffen, daß man
sich in Zukunft wieder auf die Zurückgewinnung der wissenschaftlichen
Objektivität besinnt, anstatt ideologische Grabenkämpfe über das TG zu führen.
Und weil wir gerade von
Ideologie sprechen, soll uns dies zum zweiten Teil des Titels überleiten,
nämlich der Bedeutung des TG für die Kirche. Diese ist naturgemäß ungleich
größer, als die Bedeutung des Tuches für die Wissenschaft, handelt es sich doch
beim TG um die „bedeutendste Reliquie der Christenheit“, wie das Tuch oft
unbescheiden genannt wurde. Umso verständlicher eigentlich, daß für die Kirche
die Echtheit des TG ein nicht unwesentlicher Faktor ist. Trotzdem ist sich die
Kirche in dieser Frage alles andere als einig. Denn erstens mußte die Kirche ja
im Laufe ihrer Geschichte nur zu oft erkennen, daß viele der so hochverehrten
Reliquien alles andere als echt waren. Insofern beeilte man sich,
beispielsweise, als der Radiocarbontest kurz vor der Bekanntgabe des Ergebnisses
stand, zu versichern, daß die Reliquie, egal ob sie nun echt sei oder gefälscht
ein, trotzdem ein „heiliger“ Gegenstand sei. Also quasi, daß die Unechtheit
nicht die Verehrungswürdigkeit in Frage stellen könnte. Denn die Verehrung von
Reliquien sollte ja ohnehin im „guten Glauben“ erfolgen und nicht im „falschen
Glauben, wo der Glaube ersetzt wird durch eine Form des Beweises, mit der man
sich das Risiko des Glaubens ersparen will“[282],
so der Religionspädagoge Martin Jäggle. Dies führt uns zum zweiten Punkt : man
wollte auch der beim TG oft in eine falsche Richtung gehenden Anbetung
gegensteuern. Eine Reliquie soll ja nicht Selbstzweck sein; man soll durch die
Betrachtung des Gegenstandes zu Gott finden und nicht den Gegenstand selbst
anbeten. Letzteres scheint nämlich beim TG des öfteren der Fall zu sein, und
wurde nicht zuletzt von Theologen auch heftig kritisiert. Hier zeigt sich auch
nochmals der Widerspruch zwischen fundamentalistischer und
historisch-kritischer Bibelauslegung. Sehen die Fundamentalisten im TG vielfach
einen Beweis für die Auferstehung Jesu – getreu dem Motto „Und die Bibel hat
doch recht“ -, so halten sich die historisch-kritischen Exegeten mit solchen
Urteilen eher zurück und streichen vielmehr den Symbolcharakter der
Evangelienberichte hervor. Außerdem sei es auch vom theologischen Standpunkt
aus eher unwahrscheinlich, so Josef Dirnbeck, daß Jesus uns gerade ein
Leichentuch als Zeichen hinterlassen hätte. „Auf die Forderung nach Zeichen hat
Jesus geradezu allergisch reagiert. Das einzige Zeichen, das gegeben wird, ist
die Auferstehung [...]. Auch nach der Auferstehung wird kein anderes
Zeichen gegeben“[283].
Daher solle man sich doch bitte wieder auf den Glauben an Jesus Christus
besinnen und wenn man durch das Turiner Grabtuch zum „guten und echten Glauben“
hingeführt wird und es „nicht zum Ersatz für Glauben und zu dessen
Fälschung wird“[284],
dann sei auch an der Verehrung dieser Reliquie eigentlich nichts weiter
auszusetzen. Insofern sollte sich die Bedeutung des TG für die Kirche definieren
als eine Reliquie, die aufgrund ihrer besonderen Beschaffenheit dazu angetan
ist, Menschen in ihren Bann zu ziehen und somit einen nicht unwesentlichen
Beitrag gerade in unserer heutigen bilderfixierten Zeit zum „Erlebbarmachen“
des Glaubens leisten kann.
Beschließen möchte ich diese
Arbeit mit ein paar eigenen Gedanken zum Thema. Es sind dies sowohl Fragen, die
ich mir bereits vor dem Abfassen dieser Arbeit gestellt habe, aber auch solche,
die erst während der intensiven Auseinandersetzung mit dem Turiner Grabtuch
aufgetaucht sind.
Als ich mich dazu entschloß,
meine Diplomarbeit über das Turiner Grabtuch zu schreiben, schwebte über allen
anderen Überlegungen natürlich die Frage nach der Echtheit und die Beantwortung
derselben. Je mehr ich mich jedoch in die Literatur zum Thema vertiefte, desto
deutlicher wurde, daß eine eindeutige Beantwortung dieser Frage wohl im Rahmen
dieser Arbeit nicht möglich sein würde. Zu viele kluge – und weniger kluge –
Köpfe hatten sich schon vor mir ebenjene darüber zerbrochen, um der Wahrheit
ein Stückchen näher zu kommen. Wie ich jedoch im Laufe der Arbeit erkennen
mußte, glauben zwar viele der Sindonologen im Besitz der letztgültigen Wahrheit
über das TG zu sein, da sie aber diese oft nicht mit wissenschaftlich
belegbaren und objektiv nachvollziehbaren Argumenten vertreten können, sondern
sich auf allerlei „göttliche Wunder“ berufen, kann ihr nicht die Bedeutung
eingeräumt werden, welche jene Sindonologen ihr beimessen. Obwohl es sich also
herausstellte, daß die Frage nach „echt“ oder „gefälscht“ wohl nicht zu
beantworten sein würde, bedeutete dies nicht, daß das Grabtuch nun deswegen
weniger interessant sein würde. Im Gegenteil, verläßt man nämlich den Weg der
krampfhaften Suche nach Beweisen und besinnt sich lediglich auf seine
wissenschaftliche Neugierde, so erweist sich das Turiner Grabtuch als ungeheuer
beredtes Zeugnis welcher Epoche auch immer – sei es der Zeit Jesu oder des
Mittelalters. Die Erforschung des TG gleicht in vielen Aspekten einer Entdeckungsreise
in unbekannte Gefilde; dies deshalb, weil sich so viele verschiedene
wissenschaftliche Disziplinen - auch
und in besonderem Maße die Naturwissenschaften - mit diesem Gegenstand
auseinandergesetzt haben und es daher für mich als Historikerin eine
Herausforderung darstellte, diese Ergebnisse zu studieren und in dieser Arbeit
zu präsentieren.
Gerade jene Vielfalt an
möglichen Herangehensweisen an das Turiner Tuch ist es, die diesen Gegenstand
meines Erachtens immer wieder von neuem interessant macht.
Ein Gedanke, der an dieser
Stelle auch noch erwähnt werden sollte, ist die Einbindung des Grabtuches in
den Kontext der Reliquienverehrung. Denn ursprünglich war dies - die Reliquienverehrung im Mittelalter –
als eigentliches Thema der Arbeit vorgesehen und das TG sollte nur als ein
besonders wichtiges Beispiel vorgestellt werden. Es stellte sich jedoch im
Laufe meiner Vorbereitungen heraus, daß das TG selbst schon Stoff genug für
eine Arbeit liefern würde. Trotzdem muß das TG natürlich auch im Zusammenhang
mit der Reliquienverehrung im allgemeinen gesehen werden. Hier erscheint mir
besonders der außerordentliche Stellenwert, den das TG offensichtlich gegenüber
anderen Reliquien besitzt, interessant. Und ich spreche hier nicht von
Reliquien anderer Heiliger, sondern speziell solchen, die Jesus zugeordnet
werden, so wie z.B. Kreuzpartikel, die Dornenkrone oder der Heilige Rock.
Keiner dieser Gegenstände hat es zu solcher Popularität gebracht, wie das
Grabtuch. Liegt das vielleicht daran, daß sich hier auf diesem Tuch anscheinend
ein wirkliches Porträt Christi verbirgt? Es scheint wohl immer einfacher zu
sein, etwas anzubeten, das das Abbild der verehrten Person trägt, als bloß
einen relativ anonymen Gegenstand, welcher mit dieser Person in Verbindung gebracht
wird. Die Gefahr, die darin liegt, wurde auch bereits angesprochen, nämlich
die, in eine Anbetung des Gegenstandes selbst abzugleiten, anstatt die Reliquie
nur als Meditationsgegenstand zu sehen.
Außerdem ist es
bemerkenswert, daß bei keiner der oben erwähnten Reliquien solche enormen
Anstrengungen unternommen wurden, um die Echtheit zu beweisen, vielmehr wird
mehr oder weniger offen zugegeben, daß nicht alle davon wirklich echt sein
können, bzw. es wird betont, daß die Echtheit nicht der entscheidende Faktor
für die „Heiligkeit“ einer Reliquie sei.
Dies ist zwar auch die offizielle Position der Kirche im Zusammenhang
mit dem TG, in all den Diskussionen rund um das Tuch ist jedoch davon nicht
viel zu spüren.
Ein anderer Gedanke, der
mich während der Arbeit an diesem Thema auch immer wieder beschäftigt hat, ist
der, wer denn nun, wenn nicht Jesus, der auf dem Grabtuch abgebildete Mensch
ist. Und vor allem, wieso mußte er offensichtlich all diese Marterqualen
erleiden? Und wußte er, was mit ihm geschah? Doch diese Fragen müssen wohl
genauso wie jene nach der Echtheit unbeantwortet bleiben. Lediglich eine
Entdeckung bislang möglicherweise unbekannter Dokumente zum TG könnte Licht in
diese Angelegenheit bringen. Die Wahrscheinlichkeit, daß dies passiert ist
jedoch äußerst gering, daher müssen wir uns wohl auch hier weiterhin mit
Spekulationen begnügen. Trotzdem wäre diese Thematik sicher auch ein
interessantes Forschungsgebiet.
Abschließend möchte ich noch
anmerken, daß für mich persönlich die Auseinandersetzung mit einem so heiligen,
aber gleichzeitig durch die vielen wissenschaftlichen Analysen doch
profanisierten Gegenstand wie dem Turiner Grabtuch einen tiefen Eindruck
hinterlassen hat. Und es mag eigenartig klingen, aber je mehr ich mich mit dem
Tuch beschäftigt habe, umso weniger wichtig wurde für mich die Frage nach der
Echtheit. Denn egal, ob es jetzt das wahre Leichentuch Christi ist oder eine
(mittelalterliche) Fälschung, es ist so oder so ein wirklich beeindruckendes
Stück Linnen, das auch weiterhin noch viel Stoff - im wahrsten Sinne des Wortes
– für zukünftige Forschungsarbeiten liefern wird.
Folgende Zeittafel umfaßt
lediglich die historisch gesicherten Aufenthaltsorte des TG, beginnt deshalb
auch erst im 14.Jahrhundert. Für Informationen bezüglich möglicher früherer
Aufenthaltsorte – bei Annahme, das TG sei tatsächlich echt – siehe Kapitel 6
„Zur Geschichte des TG vor dem 14.Jahrhundert“. Außerdem finden sich sowohl bei
Werner Bulst[285] als auch
bei Ian Wilson[286]
sehr ausführliche Zeittafeln, beide enden jedoch bereits vor dem 1988
durchgeführten Radiocarbontest.
28. Mai 1356 Die von Geoffroy de Charny gegründete
Stiftskirche in Lirey wird geweiht.
19.September
1356 Geoffroy stirbt in der Schlacht von Poitiers als
Träger der französischen königlichen Schlachtstandarte.
1357
Erste bekannte Ausstellung des Turiner Grabtuches in Lirey. Pilgermedaillon
wird geschlagen, reger Zustrom der Pilger. Auf Befehl des Bischofs Henri de
Poitiers Einstellung der Ausstellungen.
April 1389
Erneute Ausstellung des Grabtuches unter Geoffroy II. , dem Sohn Geoffroys de
Charny. Trotz der Proteste von Pierre d´Arcis erlaubt Papst Clemens VII. die
Weiterführung der Ausstellungen unter der Bedingung, daß es bloß als
„Darstellung des Sudariums“ bezeichnet werde.
22. Mai 1398
Tod von Geoffroy II. de Charny.
1443/59
Prozesse zwischen den Stiftsherren von Lirey und Margareta, der letzten de
Charny, um den Besitz des Grabtuches, welche Margareta für sich entscheiden
kann.
1449
Ausstellung des Tuches durch Margareta in Belgien.
1452
Ausstellung des Tuches durch Margareta in Germolles bei Mâcon.
1453 Marageta
entschließt sich, da sie keine Erben hat, das Grabtuch dem Herzog Ludwig von
Savoyen zu vermachen. Im Gegenzug erhält sie dafür Schloß Varambon und weitere
Einkünfte.
7. Oktober
1460 Tod Margareta de Charnys.
1464
Die Kanoniker von Lirey erhalten von Herzog Ludwig von Savoyen eine
Entschädigung von 50 Goldfranken für das ihnen nun endgültig abhanden gekommene
Grabtuch.
1494
Ausstellung des Tuches in Vercelli durch Herzogin Bianca von Savoyen.
11. Juni 1502
Das Grabtuch wird in der Kapelle des Schlosses von Chambéry deponiert.
1506
Papst Julius II. setzt den 4 Mai als jährlichen Feiertag des Grabtuches fest.